Filmkritik: KAAGAZ KE PHOOL (8/10)

8. November 2006

kaagaz-cover.jpgDritter und letzter Teil meiner “Waheeda im Wandel der Jahre”- Minireihe, diesmal Waheeda als Heldin. Endlich ein Film mit einer angemessenen Rolle also. Und weitere Waheeda-Filme stehen schon auf der Einkaufsliste
Außerdem ist dies mein zweiter Guru-Dutt-Film, und voraussichtlich auch nicht mein letzter. Ich mag Guru. Aber ich wünschte, er würde bessere DVDs für seine Filme bekommen – Pyaasa hatte ein lästiges Untertitel-Problem und auch diese DVD hier ist nicht das Wahre: Bollywoods erster Cinemascope-Film, und das soll alles sein, was wir davon bekommen? Hmpf.

Regisseur: Guru Dutt
Musik: S.D. Burman
Darsteller: Guru Dutt, Waheeda Rehman, Baby Naaz, Johnny Walker
Crew: Guru Dutt (producer), V.K. Murthy (cinematography)
Erscheinungsjahr: 1959

STORY
Suresh Singh (Guru Dutt) ist ein gefeierte Filmregisseur, doch seine Frau hat ihn verlassen und hält seine Tochter Pammi (Baby Naaz) von ihm fern, um sie vor dem schlechten Einfluss der Filmwelt zu bewahren. In einer stürmischen Nacht trifft Suresh auf die waise Shanti (Waheeda Rehman) und macht diese zur Heldin seines neuen Films. Shanti inspiriert Suresh und die beiden kommen sich näher, doch da taucht Pammi auf und bittet Shanti aus dem Weg zu gehen, damit ihr Mutter und ihr Vater wieder zusammen kommen können. Shanti versteht das und verlässt die Filmwelt – Suresh verliert dadurch seinen Halt, verfällt dem Alkohol und stürzt schließlich komplett ab…

REVIEW
Man sollte das zwar eigentlich nicht tun, aber ich komm doch nicht umhin, diesen Film ein wenig mit seinem Vorgänger, Pyaasa, zu vergleichen.

Kaagaz Ke Phool ist in gewisser Weise ein wenig ausgeglichener als Pyaasa, der hatte nämlich einige geniale Szenen, aber auch einige schwächere Parts (wie das ständig leidende Singen). Die schwächeren Teile haben wir in Kaagaz jkaagaz-guruwaheeda.jpgetzt nicht mehr so ausgeprägt, dafür sind allerdings auch die guten Szenen nicht ganz so großartig und kraftvoll wie in Pyaasa.

Kaagaz Ke Phool ist auch etwas leiser, trauriger und melancholischer als Pyaasa. Klar, melancholisch war dieser auch schon, aber Guru Dutt hat in Pyaasa noch viele anklagende, aufrührende Szenen gezeigt, in denen er alles und jeden angeprangert hat. Damit hält er sich in diesem Film nun eher zurück. Natürlich, die hier präsentierte Film- und Showwelt kommt auch nicht gerade gut weg und wird als oberflächlich, kurzlebig, undankbar, kalt und falsch enthüllt. Selbst als er noch ein gefeierter Regisseur ist, ist Suresh abseits der Filmsets verlassen und einsam, ohne Familie und ohne echte Freunde – bilkul akele, wie Shanti richtig erkennt. Doch passiert diese Kritik eben weniger plakativ als in Pyaasa und hat weniger die aufrüttelnde Wirkung, die man dort findet, sondern wird von viel Melancholie und Desillusionierung getragen. Und so haben wir eben hier mehr eine einzelne Geschichte als eine universale Anklage – und das ist durchaus positiv, auch wenn ich die Anklage-Szenen in Pyaasa natürlichkagaaz-alt.jpg sehr mochte.

Besonders erwähnen muss man natürlich auch die wunderbar- poetischen Bildkompositionen; Kagaaz Ke Phool ist einer dieser Filme, bei der man aus dem Screencappen gar nicht mehr rauskommt und am Schluss nicht weiß, was man aus der Fülle an Bilder jetzt auswählen soll. Guru Dutt hat hier zusammen mit V.K. Murthy eine wirklich faszinierende Bilderwelt entworfen, in der virtuos mit Licht und Schatten gespielt wird und jede Aufnahme voll von großer Bedeutung ist – besonders bemerkenswert sind die grandios ausgeleuchteten und sehr stimmungsvollen Bilder des Filmsets.

Begeistert war ich auch davon, wie bewegend die Liebesgeschichte zwischen Shanti und Suresh dargestellt wird, vor allem, weil sie ganz auf einen Aspekt von Liebe setzt, den man in Filmen recht selten trifft: absolutes stummes gegenseitiges Verständnis, was eine unglaubliche Kraft haben kann. Gegen Ende meint Suresh mal zu Shanti: “Wir können uns niemals Missverstehen” – das würd man doch gern vielen Filmpärchen wünschen, deren Beziehung wegen blöden Missverständnissen gebeutelt wird.
Weil diese Beziehung und Verbindung der Beiden so eindrucksvoll gezeichnet wird, gehören auch automatisch alle Shanti-Suresh-Szenen zu den besten des Films. Und wenn dazu dann noch die “Waqt ne kiya“-Melodie läuft, ist man eh wunschlos glücklich.

Guru Dutt spielt kaagaz-waheeda.jpgseinen Regisseurpart natürlich einwandfrei – vom selbstbewussten, inspirierten Perfektionisten bis zum gebrochenen, verlassenen und tiefstmelancholischen Verlierer mit einer großen Portion Selbstmitleid. Das Selbstmitleid stört ein wenig, aber wir sind ja alle Devdas-geschult und können damit umgehen. Jedenfalls ist so eine Rolle selbstverständlich völlig auf Dutt zugeschnitten und damit bekommen wir auch eine wunderbare Darstellung von ihm.
In nichts nach steht ihm Waheeda Rehman, die jedesmal, wenn sie auftritt, die Leinwand mit ihrer Ausstrahlung erhellt. Ich glaub, ich werd hier wirklich zum richtigen Waheeda-Fan. Sie besticht mit wunderbaren natürlichen Charme, bringt das Leid ihrer Figur sehr bewegend rüber und spätestens beim Song “Ek Do Teen Char” hat man sich völlig in sie verliebt. Ehrlich, niemand kann “ich bin die unbedeutende Null” so furchtbar niedlich sagen/singen wie Waheeda.

Baby Naaz, die in der 55er-Devdas-Verfilmung die junge Paro gespielt hat, überzeugt ebenfalls mit bewegendem Spiel – sehr erwachsen für eine Kinderdarstellerin. Johnny Walker ist zwar herzlich unnötig in diesem Film, aberkaagaz-schatten.jpg immerhin stört und nervt er nicht allzusehr. Und sein gekünsteltes Hindi mit englischem Akzent ist ganz nett anzuhören.

Etwas kurios sind die unbewussten “Anspielungen” auf den neuen Devdas, also den von 2002. Wenn die erste Paro-Darstellerin ihren Regisseur anbettelt, dass er ihrer Figur doch ein wenig Glamour gewähren soll muss man unweigerlich grinsend an die glamouröse Aishwarya-Paro denken, und wenn die Filmcrew plötzlich einfach so “Maar Dala” singt, fragt man sich schon ob das alles mit rechten Dingen zugeht.

Dass Kaagaz Ke Phool an den Kinokassen floppte ist kaum verwunderlich, zuviel Melancholie und Fatalismus ist nichts für die Massen. Allerdings ist es natürlich sehr tragisch, weil der Film diese Entwicklung ja schon vorweg nahm – und vor allem, weil Guru Dutt danach eben nie mehr Regie führte. Gegen mehr Filme vom Kaliber von Pyaasa und Kaagaz Ke Phool hätt ich wahrlich nichts einzuwenden…

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