Filmkritik: BOMBAY TALKIE (7/10)
29. March 2007
Kaddele hat den dritten Teil des Shashi-Guides geschrieben, passend dazu gibt´s auch hier Shashi-Nachschub. Nicht in einem Bollywoodfilm, sondern einer Merchant-Ivory-Produktion. Ist schon angenehm, zur Abwechslung eine britische DVD anstatt einer indischen zu gucken: die Bildqualität ist toll. Bloß leider ist auf der britischen im Gegensatz zur amerikanischen Disc nicht die “Helen – Queen of the Nautch Girls”-Doku als Bonus drauf…sehr gemein. Aber deswegen extra “Jane Austen in Manhatten” kaufen? Hmm..
Regisseur: James Ivory
Musik: Shankar-Jaikishan
Darsteller: Shashi Kapoor, Jennifer Kendall, Zia Moheyeddin, Aparna Sen, Nadira, Helen
Crew: Ismail Merchant (producer), Ruth Prawer Jhabvala (screenplay)
Erscheinungsjahr: 1970
STORY
Die berühmte amerikanische Schriftstellerin Lucia Lane (Jeniffer Kendal) kommt nach Bombay, wo sie den attraktiven Bollywoodstar Vikram (Shashi Kapoor) kennen lernt. Obwohl dieser verheiratet ist, beginnen die beiden eine Affäre – sehr zum Leidwesen von Hari (Zia Moheyeddin), einem nicht besonders erfolgreichem Drehbuchautor, der sich in Lucia verliebt hat…
REVIEW
Bombay Talkie ist ein Film über oberflächliche, hedonistische Menschen, die in einer Glamourwelt leben und zerstörerische Beziehungen führen. Sympathische Personen findet man in diesem Film kaum – die wenigen die vorkommen, haben kaum screentime. Der Film versucht dabei eigentlich kaum, eine tiefschürfende Analyse seiner Protagonisten zu zeigen oder ernsthaft sozialkritisch zu sein; er liefert eher Momentaufnahmen und lässt das Geschehen eher dahinplätschern als dass er sich groß um Spannung bemühen würde. Das ist natürlich nicht etwas, was jedem liegt – mir gefiel e
s letztlich doch ziemlich gut.
Faszinierend ist der Einblick ins Bollywood-Showbiz der 70er, das uns Bombay Talkie bietet. Die Filmshootings von Szenen, die in so einen Film eingebettet irgendwie lächerlich wirken, und die wir, wenn wir sie in einem Bollywoodfilm sehen, lieben. Die dubiosen Filmverträge, die nie wegen künstlerischem Wert, sondern wegen Geld abgeschlossen werden. Und vor allem die vielen unterschiedlichen Menschen: vom vergötterten, aber innerlich leeren Star, über ambitionierte, aber am Mainstream scheiternde Drehbuchautoren und schmierige Produzenten bis zu kaputten, vom Publikum vergessenen Altstars.
Als Shashi-Fan komm ich nicht drum herum zu bemerken, dass Shashi den gesamten Film über abwechselnd extraschnuffig, extremst lässig oder einfach nur GAH! aussieht. Zum Shashi-Schmachten ist dieser Film wirklich uneingeschränkt empfehlenswert – auch obwohl er keinen allzu positiven Charakter spielt. Oder vielleicht auch gerade weil: Shashi ist eh immer besonders gut, wenn er ein richtiges Ekel sein darf. Da kann er nämlich zeigen, dass er schauspielern kann – charmant-niedlich ist er ja automatisch, aber er kann eben auch überzeugend unsympathisch sein.
Shashis Ehefrau Jeniffer Kendal liefert in ihrer ersten richtigen Rolle eine überzeugende Darstellung ab – ihre Lucia wirkt zwar manchmal etwas gekünstelt, aber das passt zu diesem Charakter. Und wie immer hat es einen besonderen Reiz ein Real-Li
fe-Paar zusammen auf der Leinwand zu sehen – auch wenn man sich bei diesem Film ständig daran erinnern muss, dass Shashi und Jennifer im wirklichen Leben ganz sicher nicht so waren.
Zia Moheyeddin ist ebenfalls gut und bringt die inneren Zwiespalte seiner Figur schön auf die Leinwand, Aparna Sen (Mutter von Konkona Sen Sharma und heute erfolgreiche Regisseurin) spielt bewegend als betrogene Ehefrau, eine der wenigen Figuren mit der wir wirklich mitfühlen.
Ich LIEBE Helens Rolle, weil sie eine großartige Umsetzung davon ist, wie Bollywood501 Helen beschreibt (“If you don’t get Helen, well that’s OK, she doesn’t mind, all Helen wants to do is danceâ€). Das ist eine recht oberflächliche Helen-Betrachtung und wird ihr nicht ganz gerecht, aber sie passt zu diesem Film – und wie Helen in Bombay Talkie eben auf dieser Schreibmaschine steht und tanzt und grinst und einfach glücklich ist tanzen zu dürfen, illustriert diese Beschreibung perfekt.
Carla kritisiert in ihrer Kritik, dass Bombay Talkie einen etwas herablassenden Blick auf Indien wirft und beispielsweise in der Ashram-Episode weniger zeigt, dass Lucia durch ihre Oberflächlichkeit nicht damit klar kommt, sondern dass so ein Ashram einfach nur zu rückständig für eine zivilisierte Amerikanerin ist. Aber ich finde nicht, dass der Film diese Sicht vermitteln will – der Ashram wird jetzt zwar sicher nicht als Ort der großen Erleuchtung dargestellt, aber ich empfand ihn doch als prinzipiell sympathischen Ort, wo man zwar nicht zur Erleuchtung, aber dafür zur Ruhe finden k
ann. Bloß ist Lucia eben absolut nicht fähig sich auf etwas wie “Ruhe” einzulassen, sich an andere Umstände anzupassen und ihr Partygirl-Denken ruhen zu lassen, und daran scheitert ihr Ashram-Versuch. Meiner Meinung nach bringt der Film das schon gut raus. Wer Indien allerdings wirklich herablassend sieht, ist der Autor des DVD-Klappentextes, der meint der Film hätte einen “bemused view of Bollywood” und die Ashramsache “also – hilariously – doesn´t work out”. Naja.
Für Shashi-Fans ist der Film ein absolutes Muss, durch exzessives Shashi-Schmachten kann man auch über eventuelle Schwächen des Films gut hinwegsehen. Aber es gibt natürlich auch andere Gründe Bombay Talkie zu sehen: für Jennifer, für den Filmbusinesspanorama, für die “fate machine”-Schreibmaschine inklusive Helen, für die schicke Kameraarbeit, für den göttlichen Vorspann. Man muss halt Filme über unsympathische, kaputte Menschen mögen, die einen eher europäischen Touch haben. Von mir gibt´s jedenfalls (dank Shashi-Bonus) grad noch 7 Punkte – und ich bin gespannt auf mehr Merchant-Ivory-Produktionen.
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Tags: Helen, Jennifer Kendal, Merchant Ivory, Ruth Prawer Jhabvala, Shashi Kapoor

30. March 2007 um 08:10
Ich freue mich sehr, daß Ismail Merchant und James Ivory hier in diesem Blog auftauchen. Merchant-Ivory hatte ganz klein in 1961 in Indien angefangen, (mit Filmen mit indischen bzw. Europäisch-Indischen Themen wie z.B. The Guru (1969, zum Teil über George Harrison’s Aufenthalt in Indien als Sitar-Student von Ravi Shankar). Shakespeare-Wallah, In Custody, Heat and Dust, The Householder (die letzten vier mit Shashi!!). Später aber entwickelte sich diese Zusammenarbeit zu einem der berühmtesten Markenzeichen für üppige Kostümdramdramen und feine Literaturvefilmungen.
Einige meiner absolut Lieblingsfilme: Remains of the Day (Was vom Tage übrig blieb), Room with a View (Zimmer mit Aussicht), Quartet, The Bostonians.
http://news.bbc.co.uk/2/hi/entertainment/1831233.stm
http://www.merchantivory.com/
http://en.wikipedia.org/wiki/Merchant_Ivory_Productions
http://www.filmstarts.de/produkt/39953,Was%20vom%20Tage%20%FCbrig%20blieb.html
NICHT ZU VERPASSEN!!!!