Filmkritik: JAANE BHI DO YAARO (8.5/10)

4. June 2007

jbdy-cover.jpgNach Khamoshi gabs bei mir mit Jaane Bhi Do Yaaro erneut einen großartigen Debütfilm zu sehen, und während ich bei ersterem ständig am heulen war, durfte ich hier den ganzen Film durchlachen.
Wie die letzten besprochenen Filme ist auch dieser hier von Jaman, momentan immer noch kostenlos dort zu leihen – leider sind die Farben etwas blass. Aber das ist ja kein buntes Hochzeitsspektakel wo man Farben brauchen würde, sondern eine Komödie, da macht der Film auch so Spaß. Und wie. *g*

Regisseur: Kundan Shah
Musik: Vanraj Bhatia
Darsteller: Naseeruddin Shah, Ravi Baswani, Pankaj Kapur, Satish Shah, Om Puri, Bhakti Barve
Crew: Binod Pradhan (cinematography)
Erscheinungsjahr: 1983

STORY
Vinod (Naseeruddin Shah) und Sudhir (Ravi Baswani) versuchen eigentlich nur mit ihrem mager laufenden Fotostudio zu überleben, als sie von der Herausgeberin (Bhakti Barve) einer sozialkritischen Zeitung angeheuert werden, den korrupten Bauherren Tarneja (Pankaj Kapur) bei seinen Geschäften und Bestechungen mit Comissioner D´Mello (Satish Shah) zu fotographieren. Bald entdecken die beiden auch, dass D´Mello auch Schmiergelder von Tarnejas Konkurrenz, dem Immobilienhai Ahuja (Om Puri) entgegennimmt. Und während sie versuchen diese illegalen Machenschaften aufzudecken, rutschen sie bloß weiter in den Dschungel aus Korruption…

REVIEW
Eine Komödie über ein ernstes, deprimierendes Thema zu drehen hat zwei schöne Vorteile. Erstens: man kann sein Anliegen deutlich unterhaltsamer vermitteln als mit einem predigenden Drama, dabei aber keineswegs weniger wirkungsvoll und zweitens: man kann auch ziemlich bissig und zynisch werden ohne das dass dem Zuschauer auf den Magen schlägt. Beides nützt jbdy-zwei.jpgJaane Bhi Do Yaaro voll aus. So wird die Korruption in Indien den ganzen Film über angeklagt und gezeigt, wie niemand dagegen ankommen kann – und gleichzeitig liegt man als Zuschauer lachend am Boden. Und wenn der Film zuende ist, hat man sich über zwei Stunden prächtig unterhalten, hat aber doch auch ein flaues Gefühl im Magen – woran sicher auch der pechschwarze Schluss schuld ist.

Im Vordergrund steht aber doch der Humor – und der ist wirklich herrlich. Jaane Bhi Do Yaaro wird gerne als der lustigste Bollywoodfilm aller Zeiten bezeichnet, und diese Behauptung kommt nicht von ungefähr. Die Drehbuchautoren verbinden Sprachwitz mit Slapstik, die Schauspieler und der Regisseur zeigen ein tolles Gespür für komödiantisches Timing und je weiter der Film fortschreitet wird das nicht etwa langweilig, sondern immer verrückter und witziger – bis zum furiosen, großartigen Finale: die ganze Mannschaft überfällt eine Mahabharata-Theateraufführung und Stück für Stück übernimmt jeder eine Rolle im Stück. Besonders Om Puri als besoffener Bhima mit Sonnenbrille ist zum schreien, und als plötzlich Akbar und Salim aus Mughal-E-Azam einfallen konnt ich praktisch nicht mehr vor Lachen. Diese Szene zeigt übrigens auch schön, wie vielschichtig die Comedy von Jaane Bhi Do Yaaro ist: hier wird nicht nur herumgealbert, sondern auch gezeigt, wie schamlos das moderne Indien mit seinen Traditionen umgeht, wiejbdy-spiegel.jpg untätig das normale Volk zusieht wenn vor ihnen das Theater der Korruption gespielt wird und schon die gewählte Mahabharata-Szene, das Würfelspiel der Pandavas und Kauravas, ist ein Sinnbild dafür, wie trotz der größten, offensichtlichen Ungerechtigkeit niemand einschreitet.
Genau das macht den Film so großartig: der Humor ist nie hirnlos, sondern hat auch immer irgendwas auszusagen

Die Cast hat auch einige Schmankerl zu bieten, mit gern gesehen Stars und dem ein oder anderen netten Cameo. Ein paar Aha-Momente bietet das Durchgehen der Cast-Liste nach dem Film auch. So wie “DAS ist Pankaj Kapur?” (wenn man den nur aus Maqbool kennt, entdeckt man praktisch keinerlei à„hnlichkeit) oder “Vidhu Vinod Chopra? Ich muss die Szene nochmal gucken…” (an ihm ist aber auch wirklich ein göttlicher Dushashana-Darsteller verloren gegangen *g*)

Jaane Bhi Do Yaaro hat mich wieder einmal an einen Vorsatz erinnert, den ich eigentlich schon nach Kalyug und Junoon geschlossen hatte: Mehr junge Naseeruddin Shah und Om Puri! Dass die beiden klasse Schauspieler sind ist bekannt, das zeigen sie auch hier: Naseeruddin zieht als für Gerechtigkeit kämpfender Fotograph alle Sympathien auf sich und Om Puri überzeugt als ständig besoffener und ständig Sonnenbrillentragender Immobilienhai. Was mich dafür jedes Mal aufs Neue überrascht ist, jbdy-telefon.jpgwie gut beide zu der Zeit aussahen – da kann man zwischen den Lachanfällen auch immer wieder gepflegt schmachten ;-)

Auf typische Songs verzichtet Kundan Shah, was sicher auch dabei hilft, dem 130 Minuten-Film ein angenehm flottes Tempo zu verleihen – Langeweile kommt hier garantiert nie auf. Allerdings dürfen Vinod und Sudhir ein paar Mal die Hindi-Version von “We shall overcome” anstimmen, das nicht nur in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung symbolische Bedeutung erlangte, sondern auch in Indien zur Zeit von Jaane Bhi Do Yaaro als patriotisches Lied beliebt war. Im Kontext dieses Films wirkt der Song natürlich eher ironisch und zynisch – besonders das letzte Mal, wenn er gespielt wird.

Ihr seht schon, ich bin begeistert. Für die herrliche Mahabharata-Szene hab ich jetzt auch doch noch die Bewertung erhöht. Ich kann ihn euch nur wärmstens ans Herz legen – eine so gelungene indische Komödie findet man nur selten. Unbedingt anschauen.

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6 Antworten zu “Filmkritik: JAANE BHI DO YAARO (8.5/10)”

  1. mirie sagt:

    Hm, also irgendwie konnte mich der Film nicht so recht begeistern, auch wenn Naseeruddin und die andern Schauspieler klasse waren. Wahrscheinlich hat aber auch die Tatsache, dass ich den Film am PC gucken musste meine Meinung zum Film beeinflusst, schließlich sitz ich hier eher unbequem, so dass zwei Stunden auch bei einem guten Film nur schwer am Stück auszuhalten sind *g*

    Aber egal, auf jeden Fall danke für deine Ausführungen zum Finale, diese Nuancen sind mir nämlich glatt entgangen. Wobei die Reaktion des Publikums natürlich schon auffällig war, wenn man noch die des Publikums in Lajja in Erinnerung hatte…

    Ach ja, und es wird Zeit dass ich Mughal-E-Azam gucke ;)

  2. Maria sagt:

    Ja, das kann schon auf den Filmgenuss schlagen, wenn man den unter unbequemenen Verhältnissen anschaun muss…ich bin das ja gewöhnt, ich schau ja immer am PC, da hab ich mit jaman natürlich keine Probleme.

    Schade, dass dich der Film nicht so begeistern konnte wie mich – aber welche Art Humor man tatsächlich lustig findet ist natürlich sehr unterschiedlich. Ich hab bei Szenen wie dem Telefonat von Vinod und Ashok oder wie Om Puri die Leiche auf der Straße findet herzlich gelacht – aber ich kann verstehen, wenn dir das zu laut ist.

    Mughal-E-Azam kann ich dir inzwischen ja ebenfalls ans Herz legen – der ist deutlich weniger anstrengend und schwer zu gucken als man das bei so einem Epos von Film denkt…

  3. mike sagt:

    Erwähnt da jemand Mughal-E-Azam? :) Ich hab immer überlegt, ob der Film der beste Einstieg in das “Alte Bollywood” ist?

  4. Maria sagt:

    Nein, sicher nicht! Mughal-E-Azam ist sicherlich wichtig und imho auch sehr gut, aber ich denke, wer mit den damaligen Sehgewohnheiten noch gar keine Erfahrung hat, wird bei diesem Film etwas erschlagen sein. Er hat von der Atmosphäre zwar schon Ähnlichkeiten mit Devdas, und da du den ja sehr magst ist das sicher eine gute Vorraussetzung, aber ich denke als Einstieg ins alte Bollywood ist doch etwas weniger “schweres”, beispielweise ein Raj-Kapoor-Film aus den 50ern oder ein Masalafilm aus den 70ern besser geeignet..

  5. mike sagt:

    Mh… einen Raj-Kapoor Film… Mensch, ich sollte schleunigst neue Namen lernen :)
    Ich hab mir “Jewel Thief” und “An Evening in Paris” herausgepickt, hoffentlich kann ich da deine gute Bewertung teilen ;)

  6. Maria sagt:

    Sei bei Shammi, also bei An Evening in Paris aber gewarnt: ich war das erste Mal als ich ihn gesehen haben nicht wirklich überzeugt und hab ein ganzes Jahr gebraucht um mich mich Shammi anzufreunden. Jewel Thief sollte aber schon funktionieren…

    Warum nimmst du nicht Sholay? Mit dem haben wohl die meisten angefangen, der eignet sich ganz gut zum Einstieg, er ist wichtig und wenn du Western magst, bist du da sicher gut aufgehoben

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