Filmkritik: PESTONJEE (6/10)
18. June 2007
Pestonjee (sponsert by jaman) dürfte mein erster, waschechter Parallel-Cinema-Film sein – eine allgemeingültige Definition des Parallel Cinema gibt´s eh nicht und eigentlich weiß keiner so genau, was dazugehört und was nicht, also definier ich das einfach mal so wie´s mir sinnvoll erscheint. ![]()
Die Filme die ich davor gesehen hab die in die Richtung gehen (beispielsweise Junoon oder Kalyug) hatte noch ein paar Mainstream-Merkmale, bei Pestonjee nun also nicht mehr.
Regisseur: Vijaya Mehta
Musik: Vanraj Bhatia
Darsteller: Naseeruddin Shah, Anupam Kher, Shabana Azmi, Kirron Kher
Crew: Rajan Kothari (cinematography)
Erscheinungsjahr: 1988
STORY
Piroj (Naseerudding Shah) und Pesi (Anupam Kher) sind die besten Freunde, und beide überlegen zu heiraten. Piroj wird von der Ehevermittlung die schöne Jeroo (Shabana Azmi) vorgestellt, doch er zögert mit der Entscheidung. Zu lange, und so wird Jeroo mit Pesi verheiratet. Piroj akzeptiert das und träumt von nun an von der perfekten Ehe seines Freundes – doch die Realität sieht da ganz anders aus…
REVIEW
Vijya Mehta ist eine der wenigen Frauen, die es in Bollywood auf den Regiestuhl geschafft haben – wenn auch nicht gerade im Mainstream, sondern in TV-Produktionen und zwei Parallel-Cinema-Filmen. Das Parallel Cinema hat sich groß “Realismus” aufs Banner geschrieben,
dieses Kino will keinen Bollywoodschen Eskapismus bieten, sondern das normale Leben und reale Umstände ablichten und damit zum Denken anregen.
Für Pestonjee bedeutet das eine wenig spektakuläre Geschichte in einer ungemütlich wirkenden Gesellschaft über unsympathische, teilweise fast schon erbärmliche Figuren. Das empfand ich anfangs als so wenig interessant, dass ich nach einer halben Stunde den Film abstellte. Einen Tag später gab ich Pestonjee eine zweite Chance und konnte ihm dann, etwas besser auf den Stil des Films eingestellt, doch noch einiges abgewinnen.
Der Plot ist tatsächlich unspektakulär, doch in Pestonjee geht es weniger um bedeutende Ereignisse, sondern um Personen, die mit ganz normalem Leben klar kommen müssen. Das ist insofern anstrengend, da dies alles Charaktere sind, mit denen man sich nicht identifizieren und mit ihnen sympathisieren kann und will. Pestonjee ist zwar nach Anupam Khers Charakter benannt, wird aber aus der Sicht von Piroj erzählt – und Piroj ist, wie es carla schön umschreibt, “a miserable sad-sack of a man”. Man mag ihn schon nach fünf Minuten nicht, er ist ein weinerlicher, lästiger Mann, der penibel Fehler der anderen ankreidet, aber sein eigenes Leben nicht wirklich auf die Reihe kriegt und sauer ist, dass seine Freunde ihr Leben nicht
so leben wie er es sich in seinen Tagträumen ausmalt. Doch im Laufe des Films kommt einem Piroj immer näher und man beginnt doch mit ihm mitzufühlen. Es hilft auch, dass Naseeruddin Shah Piroj wirklich gut darstellt – sein ständiges Blinzeln irritiert anfangs zwar gewaltig, aber es passt zum Charakter.
Die restlichen Darsteller stehen ihm aber in nichts nach: Anupam Kher beweist, dass er schauspielerisch einiges drauf hat und Shabana Azmi spielt gewohnt gut die zwar schöne, aber anstrengend nervige Jeroo. Eine besonders strahlende Darstellung gibt Anupams echte Ehefrau Kirron Kher ab – die hier in ihrem ersten Film eine glamouröse Witwe spielt, mit der Pesi ein Verhältnis beginnt. Kirron schafft das Kunststück, trotz Ehebrecherinnenrolle die einzige wirklich liebenswerte Figur in Pestonjee zu spielen. Wirklich schade, dass es sonst keine Filme mit der jungen Kirron gibt…
Interessant auch, dass der Film in einer Gesellschaft spielt, die wir normalerweise nicht in Filmen zu sehen bekommen: die Parsi-Community in Bombay. Die Parsen sind eine aus Persien stammende Religionsgemeinschaft, die dem Zoroastrismus anhängt. Die hier gezeigte Gesellschaft wirkt schon noch ein Stück fremder, als es Hindu-Gesellschaften tun – dass sie mir so ungemütlich vorgekommen ist, liegt wohl zum Teil auch
daran, dass es eben die 80er sind, die ich nie mag, und dass abgesehen von unseren Hauptfiguren fast nur alte Menschen gezeigt werden.
Positiv erwähnt gehört unbedingt auch die schöne Kameraarbeit, Rajan Kothari fängt die Figuren und ihre Umgebung in eleganten Einstellungen ein, die aber nie gestellt und künstlich wirken. Zusammen mit den guten Schauspielern ergibt das einigen Schauwert, der hilft, sich an das langsame Tempo und die unsympathischen Figuren zu gewöhnen. Hat man das mal getan, ist Pestonjee durchaus ein lohnender, faszinierender Film, der nur knapp eine bessere Bewertung verfehlt.
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Tags: Anupam Kher, Kirron Kher, Naseeruddin Shah, Shabana Azmi

20. June 2007 um 08:55
man war kirron kherr damals hübsch!
20. June 2007 um 09:01
Ich finde zwar, dass Kirron Kher auch heute noch sehr hübsch ist, aber stimmt schon, damals war sie einfach noch jünger – und bringt die Leinwand wirklich zum strahlen sobald sie im Bild erscheint.
02. December 2007 um 20:04
Mh. Du gibts ihm 6 Punkte mit Tendenz nach oben? Ich gebe ihn eher 5 Punkte mit keiner Tendenz.
Ich kann mit Parallelcinema, das in den Dokumentarstil abdriftet, wenig anfangen. Das war schon bei “Dharavi: City of Dreams” von Sudhir Mishra so, selbst “Shootout at Lokhandwala” und “Chokher Bali” hatten dieses Problem. Hm, schade, die hast du nocht nicht gesehen. Aber wenn dir so etwas gefällt, dann solltest du sie unbedingt sehen. Ich mag so etwas aber eher nicht.
Wenn jetzt nicht noch die tolle Starcast da gewesen wäre, hätte ich dem Film 2 von 5 gegeben. Aber hey, das sind die 80er. Also was will man erwarten?
Edit: Und ja, Kirron Kher sieht umwerfend aus. Warum wurde sie eigentlich erst mit “Devdas” (2002) so bekannt?