Buchbesprechung Nr. 5: Faszination Bollywood
23. August 2007

Mit reichlich (hauptsächlich Uni-bedingter) Verspätung komm ich endlich dazu Birgit Pestals im Juni erschienenes Buch “Faszination Bollywood – Zahlen, Fakten und Hintergründe zum ‚Trend´ im deutsch- sprachigen Raum” hier zu besprechen. Das Buch ist eine überarbeitete Diplomarbeit von Birgit und fasst 308 Seiten, wovon das Quellenverzeichnis und der Anhang 73 Seiten ausmachen. Erschienen ist Faszination Bollywood beim Tectum Verlag, der mir und ein paar anderen Bloggern netterweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat – Danke dafür nochmal.
Bevor man dieses Buch liest, sollte man sich über die Natur des Textes im Klaren sein: hier handelt es sich um eine (überarbeitete) Diplomarbeit und nicht um ein auf die Massen und möglichst hohe Verkaufszahlen schielendes populärwissenschaftliches Buch. Wer also eine primär unterhaltsame Lektüre mit Star-Anekdoten und bunten Bildern will, wird hier wohl enttäuscht werden. Doch solche Bücher gibt es eh zuhauf, auf ein Buch wie Faszination Bollywood haben wir bisher gewartet – dieses Buch kann nämlich auf ganz anderen Gebieten auftrumpfen. Hier wird detailliert analysiert, genaue Zahlen genannt und ausgewertet und dadurch ein äußerst interessantes Bild von dem gezeichnet, was in deutschsprachigen Medien als “Bollywood Trend” oder “Bollywood Boom” bezeichnet wird. Das liest sich vielleicht stellenweise etwas trockener als andere Bücher, dafür bekommt man hier geballte Information geboten.
Es ist natürlich eine wissenschaftliche Arbeit, was sich unter anderem darin auszeichnet, dass es jede Menge erklärende Fußnoten gibt, viele Tabellen mit Zahlen Einsatz finden und Zitate genau gekennzeichnet sind. Ob das einem liegt muss man selbst wissen, ich kann mir vorstellen, dass für Manche das den Lesefluss stört – ich persönlich finde das aber sehr gut, je mehr genaue Informationen, desto besser. Man sitzt oft genug vor irgendwelchen Artikeln in denen alles Mögliche behauptet wird, ohne dass sie preisgeben würden woher sie das wissen wollen…
Bei Claus Tiebers kürzlich erschienenem Buch “Passages to Bollywood” hab ich angemerkt, dass man vieles von dem was Tieber schreibt genauso in den englischsprachigen Standartwerken zum Thema lesen kann. Hier trifft das natürlich nicht zu – Birgit analysiert den deutschsprachigen Bollywoodmarkt und leistet damit Pionierarbeit. Das was man hier zu lesen bekommt, bekommt man nirgendwo anders, wer sich also für den Trend im deutschsprachigen Raum interessiert findet kaum irgendwo anders bessere Informationen dazu.
Nun, was bietet Faszination Bollywood denn nun genau:
In einem kurzen Vorwort umreißt Birgit kurz, um was es in ihrer Diplomarbeit gehen soll, da wäre eine zahlenmäßige Erschließung des Phänomens Bollywood im deutschsprachigen Raum, das Verhältnis von Bollywood und dem Westen darzustellen und die Umfrage, die Birgit im Internet geführt hat, auszuwerten und dadurch das deutsche Publikum von Bollywoodfilmen zu fassen. Auf der anderen Seite wird auch erklärt, was man in diesem Buch nicht zu erwarten hat, da wären bspw Prog
nosen für den Fortgang des Trends oder eine allumfassende Beschreibung Bollywoods und Abgrenzung gegenüber Hollywoods
Die folgende Einleitung gibt einen kurzen Überblick über die indische Filmindustrie und erklärt knapp die indische Produktionsweise, wie sich Bollywood entwickelt hat und ein paar cinematographische Besonderheiten. Dieser kurze Umriss Bollywoods auf 35 Seiten bietet natürlich kaum etwas, was man nicht schon weiß wenn man bereits das ein oder andere Standardwerk über Bollywood gelesen hat – doch das Thema der Arbeit ist natürlich ein anderes und diese kleine Einleitung ist nötig um wichtige Grundlagen zu vermitteln, für Leser die vielleicht nicht so gut über Bollywood bescheid wissen als Fans. Durchaus interessant ist dann der letzte Teil der Einleitung, in der kurz die Schweiz, à–sterreich und Deutschland als Bollywood-Drehorte beschrieben werden.
Die nächsten drei Kapitel bilden nun das Herz von “Faszination Bollywood”. Kapitel drei bietet eine Beschreibung des Verhältnisses von Bollywood und dem Westen, also USA und Europa. Hier werden Kinoerfolge Bollywoods im Westen untersucht, erläutert wie Bollywood bei uns Einzug gefunden hat, und die Bedeutung von Crossover-Filmen erklärt. Danach wird nach Gründen für diesen Erfolg von Bollywood im Westen gesucht und einige Möglichkeiten erläutert.
Das nächste Kapitel widmet sich “Zahlen, Daten, Hintergründen” und versucht anhand diesen den Trend im deutschsprachigen Raum zu beschreiben. Hier werden TV-Quoten ausgewertet und für die drei Länder Deutschland, à–sterreich und die Schweiz gesondert die Bereiche Kino und Veranstaltungen betrachtet. Danach wird noch auf das DVD-Angebot eingegangen.
Das fünfte Kapitel dreht sich nun um die Online-Umfrage, die Birgit Anfang 2006 machte und bei der auch viele Mitglieder des molodezhnaja-Forums teilgenommen haben. Hier werden nun die Ergebnisse ausgewertet und anhand von diesen ein Bild des deutschsprachigen Bollywoodpublikums zu zeichnen. Viele Ergebnisse bestätigen hier Vorurteile, einiges war auch eher überraschend – jedenfalls ist diese Auswertung ziemlich interessant.
Danach folgen noch allgemeine Schlussbetrachtungen zu Bollywood generell, dessen Rezeption im Westen und dem Trend, der eigentlich doch gar nicht so überwältigend ist wie die Medien es einen glauben machen wollen.
Zuletzt gibt es noch ein Quellenverzeichnis, das man gut als Leseanregung benützen kann, und einen ausführlichen Anhang mit vielen weiteren Informationen und Zahlen
Sehr schade, aber dem Buch natürlich nicht anzulasten, ist die inzwischen schon leicht nachlassende Aktualität. Faszination Bollywood analysiert einen Trend und den Markt dafür, und gerade bei so einem jungen Phänomen wie Bollywood in Deutschland es ist, können sich diese rasend schnell ändern. Wer sich mit einer aktuellen, fortlaufenden Thematik beschäftigt kann natürlich kein endgültiges Werk schreiben, irgendwo muss man einen Schlussstrich setzen und das Buch auf den Markt bringen – und muss notgedrungen spätere Entwicklungen auslassen. Birgit behandelt vor allem die Entwicklungen des Jahres 2005 mit einigen Aktualisierungen zu 2006, doch seitdem hat sich auch einiges getan und es wäre sicher sehr interessant zu analyisieren, welche Auswirkungen die deutlich erhöhten TV-Ausstrahlungen oder die vermehrten DVD-Releases (auch von ungewöhnlicheren oder schwächeren Filmen) auf die Zuschauer und den Trend hatten. Also, an all die jungen, aufstrebenden Medienwissenschaftler da draußen: Hier gibt´s noch jede Menge Arbeit! *g*
Marco wird im Klappentext mit “Diese Seiten haben es verdient, zu einem Standardwerk zu avancieren, was die Verbreitung von Bollywood im deutschsprachigen Raum anbelangt” zitiert – und ich kann mich ihm da eigentlich nur vollen Herzens anschließen. Birgit Pestals Buch liefert geballte Informationen und ist für jeden, der sich für dieses Thema interessiert, höchst hilfreich und interessant und absolut empfehlenswert.


02. August 2008 um 09:42
Hallo,
danke für den Beitrag! Das Thema Bollywood-Filme ist schon sehr interessant. Es sind ja gänzlich andere Filme, obwohl die gleichen Themen behandelt werden als Hollywood-Filme. Es ist immer ein spiritueller -religiöser Touch in diesen Filmen und man bekommt einen Einblick in die indische Kultur. Es sind viel lebendigere und emotionaler Filme, als das was wir in der westlichen Welt kennen.