Filmkritik: CHHALIA (7.5/10)
17. September 2007
Und nochmal Manmohan Desai, dann ist aber fürs erste Schluss mit ihm. Hier also sein Debütfilm, der doch noch ziemlich anders ist als man von ihm gewohnt ist – fällt natürlich besonders auf, wenn man Mard und Chhalia hintereinander ansieht.
Übrigens ist das jetzt auch mein erster Film mit Nutan, die Marco bekanntlich zu seiner liebsten Schauspielerin des alten Bollywoods gekürt hat – den Platz bekommt sie bei mir vermutlich nicht, dazu bin ich zu vernarrt in Sharmila Tagore und Waheeda Rehman, aber ich werd ganz sicher noch mehr Filme mit Nutan sehen. *g*
Regisseur: Manmohan Desai
Musik: Kalyanji-Anandji
Darsteller: Nutan, Raj Kapoor, Rehman, Pran,
Crew: Subhash Desai (producer)
Erscheinungsjahr: 1960
STORY
Kurz nach ihrer Hochzeit wird Shanti (Nutan) durch die Partition von ihrem Ehemann Kewal (Rehman) getrennt. Als sie ein paar Jahre darauf zu ihm zurück kommen kann, will er nicht glauben, dass ihr Sohn Anwar tatsächlich von ihm ist und er verstößt die beiden. Shanti ist verzweifelt, doch der Taschendieb Chhalia (Raj Kapoor) wird auf sie aufmerksam und nimmt sie bei sich auf, während der kleine Anwar in der Schule von Kewal unterkommt. Während Kewal mit seinen Gefühlen hadert, verliebt sich Chhalia in Shanti, da er nicht weiß, dass diese verheiratet ist…
REVIEW
Sein Bruder Subhash ermöglichte es Manmohan Desai 1960 seinen ersten Film zu drehen und diesen auch prompt mit seinen damaligen Lieblingsstars Raj Kapoor und Nutan besetzen zu können. Eine tolle Chance, und Desai schlägt sich auch recht gut und bietet eine Mischung aus damals Erfolgreichem (bspw Raj Kapoor als naiv-gutmütiger Tramp) und dem, was später sein eigener Stil
wurde (Lost and Found, Zufälle ect…). Diese Mischung geht vielleicht nicht immer auf, ist aber auf alle Fälle sehr interessant.
Ich muss zugeben, dass ich von Chhalia ziemlich überrascht war – nach drei Desai-Masala-Spektakel aus den 8oern vergisst man, dass der Mann auch anders konnte. Zumindest 1960, wo sich rundum-unterhaltendes Masala-Kino erst noch durchsetzen musste und eher noch Sozialkritik und Dramen auf dem Tagesplan standen. Und so steht nicht Comedy und Action im Vordergrund von Chhalia, sondern Tragik und menschliche Probleme. Die Familie wird nicht durch ein überwältigendes Naturspektakel oder fiese Bösewichte auseinander gerissen, sondern durch ganz reale Dinge: die indische Partition und vor allem die Familie selbst, die sich weigert Shanti anzuerkennen.
Das ist schon ein beträchtlicher Unterschied zu späteren Lost-and-Found-Werken, wo dort die Personen durch Zufälle zusammengebracht werden müssen und dann überglücklich sind sich zu sehen, steht hier zumindest dem einen Teil der Familie immer frei die Trennung aufzuheben, nur ihre eigenen Schwächen hindern sie daran. Das Ganze hat natürlich große Anleihen zum Ramayana, als Ram seine Frau Sita verstößt,
diese Geschichte wird auch recht oft im Film zitiert.
Zwischen diesen Personen steht Raj Kapoor als gute Seele des Films – aber zugleich auch als tragischer Held, weil er sich ja unwissentlich in eine verheiratete Frau verliebt. Er gibt mal wieder seinen typischen Tramp: ein ungebildeter Kleinkrimineller, der aber ein großes Herz hat.
Nutan gefällt mir in meinem ersten Film mit ihr sehr gut, sie spielt bewegend und natürlich. Zwar hat sie über einen recht großen Zeitraum die “leidende Ehefrau”-Rolle, bei der sie sich ihrem Schicksal fügt und nur ihr Ehemann die Macht zu handeln hat, aber die ist ja auch größtenteils durch die Gesellschaft vorgegeben – und zwischendurch darf sie schon immer wieder selbst handeln, beispielsweise wenn sie ihren Mann anschreit und davonschickt, als er die Herkunft ihres Sohnes anzweifelt. Ihr Mann wird von Rehman gespielt, der ebenfalls eine gute Leistung abgibt und die Zerissenheit seiner Figur zwischen seinen Gefühlen und seinem Denken einfühlsam darstellt. Man hätte diesen Charakter zum Bösewicht verkommen lassen können, das macht Desai jedoch nicht, hier in seinem Chhalia gibt es nämlich keine rein bösen Menschen, nur Figuren mit menschlichen Schwächen.
Überraschend in dem Hinblick auch Prans Rolle, der 1960 eigentlich noch der Bösewicht par excellance war, hier aber als ehrenvoller Pathane eine Vorform seiner Zanjeer-Rolle spielen darf – seine Figur hat zwar ein paar Schwächen in der Charakterisierung, aber das stört nicht weiter.
Meine DVD-Fassung läuft zwei Stunden, das lässt vermuten, dass diese Fassung nicht ganz vollständig ist. Sehr oft fehlen bei Szenen mittendrin ein paar Sekunden, was alles etwas holprig wirken lässt – doch es dürften auch größere Parts fehlen. Beispielsweise wird nie erklärt, warum Akbar ein Problem mit Chhalia hat und diesen für das Verschwinden seiner Schwester verantwortlich macht, und dass Desai das einfach vergessen hätte, halt ich doch für ausgeschlossen.
Für Fans von Manmohan Desai ist Chhalia eigentlich fast ein Muss, nur damit man mal sieht, dass er früher auch noch ohne großes Spektakel auskam. Aber auch sonst kann ich Chhalia durchaus empfehlen – wegen den guten Schauspielern, der recht flott erzählen Geschichte voller menschlicher Charaktere, den netten Songs und dem überzeugenden Finale, das schon allein deswegen hervorsticht, weil es das wohl traurigste Happy End ist, das ein Lost-and-Found-Film je hatte.
MUSIK
Kalyanji-Anandji liefern hier einen ziemlich guten Soundtrack ab – zwar nichts besonders neues und wirklich keine Meisterwerke, aber eingängige Stücke, die schnell gefallen und auch gut in den Film passen.
Baje Payal – beschwingtes, wenn auch harmloses Liedchen zu Beginn, in dem Lata zwar etwas atemlos klingt, wir uns aber dafür an einer fröhlic
hen Nutan erfreuen dürfen (später hat sie ja wenig fröhliche Szenen)
Chhalia Mera Naam – Einführrungssong für Chhalia im Stil von “Awaara Hoonâ€. Nette eingängige Melodie mit typischer Tramp-Umsetzung
Dum Dum Diga Diga – fröhlicher Regensong, in dem Raj Kapoor gut gelaunt durch die Straßen hüpfen darf
Teri Rahon Mein – wunderschönes, aber auch tragisches Klagelied zu dem Nutan leidend ihr Schicksal betrauert und dabei hinreißend aussieht..
Meri Jaan – faszinierendes Quasi-Duett, in dem einerseits Raj fröhlich auf einem Fest tanzen darf, während Nutan ihren verlorenen Mann besingt
Mere Toote Hue Dil Se – hübsche Ballade für Raj, bei der er mal wieder den Charmeur spielen darf
Gali Gali Seeta Roye – großartiges und dramatisches Finalstück, das die Ram-Sita-Geschichte zitiert und mit seiner ergreifenden Umsetzung wirklich zu Herzen geht
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Tags: Kalyanji-Anandji, Lost and Found, Manmohan Desai, Nutan, Pran, Raj Kapoor, Rehman

