Agatha Christie

19. May 2008

Die letzte Woche über war es vor allem deswegen hier so still, weil ich in ein spontanes Agatha-Christie-Fieber verfallen bin. Natürlich nicht ganz ohne Grund: in der vorgestern ausgestrahlte Doctor Who Episode “The Unicorn and the Wasp” traf der Doctor auf Agatha Christie, und ich dachte mir, dass ich als Vorbereitung doch noch den ein oder anderen Roman von ihr lesen konnte. Dabei hab ich nicht damit gerechnet, dass Christie-Romane so schnell süchtig machen – und so hab ich in den letzten acht Tagen sechs Romane verschlungen, was meine Stadtbücherei eben so auf die Schnelle hergegeben hat. Damit ihr da auch etwas mehr davon habt als einen ruhenden Blog, gibt´s hier noch Kurzkritiken zu den gelesenen Büchern:

The Murder of Roger Ackroyd
(Alibi)
Als ich dieses Buch in die Hand nahm, war ich so überhaupt nicht vorbereitet – weder darauf, dass ich so einen Gefallen an Christie-Romanen finden sollte, noch auf das unglaublich überraschende und wirklich geniale Ende. Der Text, der anscheinend in allen englischen Christie-Büchern steht, nennt Murder of Roger Ackroyd ihr “masterpiece”, und das kann ich wirklich nur unterschreiben – ein großartiger, spannender und gerissener Poirot-Roman, bei dem man sich am Schluss ein klein bisschen hintergangen, aber absolut überwältigt fühlt. Je weniger man darüber weiß, desto besser, aber absolute Lesepflicht.

Evil Under the Sun
(Das Böse unter der Sonne)
Nochmal Hercule Poirot, und der einzige der Romane, den ich auf Deutsch lesen musste – aber was will man machen, wenn man am Pfingstmontag nur den eigenen Hausbücherbestand als Nachschub zur Verfügung hat. Vielleicht lag es zum Teil daran, dass mir dieser Roman eher weniger gefiel – aber ganz die Schuld der Übersetzung war es sicher nicht. In Evil Under the Sun passiert nämlich nach dem Mord eine lange Zeit nichts mehr außer Verhöre durch die Polizei, und das ist doch etwas ermüdend, etwas mehr Abwechslung und Ereignisse wären da angebracht. Dazu wirkt der Schluss doch etwas arg konstruiert – anständige Schlüsse in Detektivromanen sollten überraschend kommen, aber doch absolut verständlich und logisch wirken.

4.50 From Paddington
(16 Uhr 50 ab Paddington)
Mein erster Miss-Marple-Roman. Ich war etwas erstaunt, dass Miss Marple dort wirklich nur selten auftritt – sie ist immer an Schlüsselszenen zur Stelle um die wichtigsten Schlussfolgerungen zu machen, bleibt aber die meiste Zeit im Hintergrund. Was durchaus realistisch ist, alte Frauen können halt nicht mehr so viel herumlaufen, aber auch ein bisschen schade, weil Miss Marple eigentlich ein wunderbarer Charakter ist, den man gern öfter sehen möchte. Ansonsten ist 4.50 From Paddinton ziemlich schick, auch wenn die Auflösung auch wieder gefährlich in Richtung “arg konstruiert” schwankt.

And Then There Were None
(Und dann gab´s keines mehr)
Die Ausgabe, die ich aus meiner Stadtbibliothek hab, ist tatsächlich so alt, dass der Roman dort noch “Ten Little Niggers” heißt – heute geht das natürlich nicht mehr, in aktuellen Ausgaben wird da jedes “Nigger” mit “Indian” ersetzt.
Egal wie der Roman jetzt heißt, er ist definitiv genial. Die Grundkonstellation ist so schlich wie effektiv: Zehn Leute auf einer Insel, nacheinander werden sie umgebracht, irgendeiner muss der Mörder sein. Christie setzt das hervorragend um, lockt die Figuren und die Leser ständig auf falsche Spuren, bringt die zunehmende Panik und den Wahn der Figuren klasse herüber und bringt das alles gerissen und wahnsinnig spannend herüber. Und wenn dann alles am Schluss aufgeklärt wird, sitzt man garantiert staunend mit offenem Mund da. Unbedingt Lesen.

A Murder Is Announced
(Ein Mord wird angekündigt)
Und wieder Miss Marple, diesmal in sehr charmanter Dorfatmosphäre – die hier vorgestellten Figuren sind wirklich alle sehr herzig und lebensecht (gerade wenn man wie ich selber in einem fürchterlich vertratschten Dorf lebt) und es ist herrlich ihnen allen zuzusehen, wie sie versuchen das Geheimnis zu lüften. Zum ersten Mal hab ich hier auch früh den Mörder erraten (was wohl weniger daran liegt, dass ich besser werde, sondern daran, dass es hier recht offensichtlich ist) – das ist zwischendurch ganz angenehm.

The Mysterious Affair at Styles
(Das fehlende Glied in der Kette)
Agatha Christies erster Roman, das erste Mal, dass Hercule Poirot auftritt, und das erste Mal, dass mir Hastings begegnet, Christies Watson-Figur. Und schon in ihrem ersten Roman sind alle typischen Aspekte vorhanden – eine sehr unterhaltsame Story, mit einem knuffigen Hastings. Ungewöhnlich für einen Detektivroman ist, dass wir hier gegen Ende eine Gerichtsverhandlung bekommen – zum einen ist das ganz schick, denn bei allem Rätselraten und Mörder tippen vergisst man schnell, dass irgendwelche Vermutungen und kuriose Indizien vor Gericht wohl rein gar nichts bringen würden, zum anderen ist das aber auch etwas langweilig, die ganzen Abläufe noch mal durchzukauen.

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3 Antworten zu “Agatha Christie”

  1. Katrin sagt:

    Hihi, die gute Agatha ist schon sehr fies süchtigmachend – ich hab regelmäßig alle paar Monate einen Christie-Anfall. :D

    And then there were none: In meiner Ausgabe ist das sogar ganz politisch korrekt durch “little soldier boys” ersetzt worden.
    Ich musste damals auch erstmal schlucken, als ich den Roman das erste Mal gelesen habe.

  2. Maria sagt:

    Ich hätte ja wirklich damit rechnen müssen, dass ich da sehr anfällig für Christiebücher bin – ich hab ja als Kind auch hauptsächlich Detektivgeschichten gelesen, während andere Mädchen irgendwelche Pferderomane bevorzugt haben, und bin mit einer Freundin durch unser Dorf gezogen und hab Indizien für irgendwelche Mysterien gesammelt. Ich konnte damals sogar Fingerabdrücke abnehmen – so halbwegs zumindest *g* Das kommt jetzt wohl grad alles wieder durch :-D

    Ah, “Little Soldier Boys” ist natürlich noch korrekter. Weißt du, wie das in der deutschen Fassung gelöst wurde? In den Rezensionen bei amazon les ich immer nur “Nigger Island” – haben die das tatsächlich gelassen? Wirklich schlimm ist es ja eh nicht, da die Bezeichnung ja wirklich nur wegen dem Kinderreim vorkommt und nicht irgendwie gewertet wird. Rassistisch sind dann bloß später die Figuren: “Natives don’t mind dying, you know” :?

  3. Katrin sagt:

    In der deutschen Ausgabe wurde soweit ich weiß nur der Titel geändert – ansonsten basiert die Übersetzung auf der Originalfassung. Zumindest war das in der Ausgabe so, die ich vor ein paar Jahren mal angeschaut habe. Keine Ahnung, ob da mittlerweile auch etwas geändert wurde.

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