Karan Johar und die Parkbank

26. July 2008

Karan Johar ist einer der erfolgreichsten und bemerkenswertesten Filmemacher in Bollywood, aber meistens wird sein Regiestil doch einfach nur auf „der mit dem Bombast und Kitsch“ reduziert. Was etwas unfair ist, denn Karan Johar kann definitiv mehr. Und er hat auch mehr Markenzeichen. Zu diesen zählt nämlich auch ein ungewöhnliches Faible für Parkbänke. Parkbänke ziehen sich als Motiv durch alle seine Filme, und werden von Karan sehr bewusst eingesetzt.
Das ist deshalb interessant genug um mal darüber nachzudenken, weil es zum einen ein eher ungewöhnliches filmisches Mittel ist. Wenn man zwei Leute auf eine Parkbank setzt, dann ist das relativ statisch und damit vielleicht nicht immer die dankbarste Weise, wie man eine Szene filmt. Diese Parkbank-Szenen stehen oft im Kontrast zu Karans restlichem überschwänglich-bombastischen Regiestil, und konzentrieren sich so ganz bewusst auf die Charaktere. Zum anderen sind die Parkbank-Momente in Karans Filmen oft Schlüsselszenen, die durch einen roten Faden verbunden werden – in KKHH noch nicht so sehr, in K3G und KANK aber ganz deutlich.
Grund genug, um Karans Parkbank-Szenen einmal ausführlich zu untersuchen – mit einem Haufen Bilder und nicht immer ganz ernst gemeint:

KUCH KUCH HOTA HAI
In Kuch Kuch Hota Hai fällt dieses Stilmittel noch nicht wirklich auf, aber trotzdem lässt sich schon erkennen, dass Karan einen Hang zu Bank-Szenen hat. In seinem Debüt finden sich zwei wichtige Szenen, die ohne besonderen Grund auf einer Bank spielen:

In der ersten Hälfte haben wir hier eine Schlüsselszene zwischen Anjali und Tina – Tina fragt vorsichtig an, ob Anjali mehr für Rahul empfindet als nur Freundschaft. Sie bittet also um Erlaubnis zwischen Anjali und Rahul treten zu dürfen – und bringt gleichzeitig mit dieser Frage Anjali dazu, dass sie sich selbst eingesteht, tatsächlich in Rahul verliebt zu sein.

In der zweiten Hälfte dann eine Szene, die einem sicher im Gedächtnis bleibt: Anjalis und Rahuls erstes Gespräch nachdem sie sich wieder getroffen haben. Unbeholfenes langsames Vortasten von beiden Seiten, mit einer seltsamen Stimmung zwischen alter Vertrautheit und neuer Entfremdung. Eine schöne und wichtige Szene, und Karan lässt hier den Fokus ganz auf den Figuren: keine Schnitte, nur ein ganz langsamer Zoom und nicht einmal irgendwelche ablenkenden Dinge im Hintergrund. Karan kann Understatement, auch wenn das nie jemand glaubt.

Noch nicht viel, und auch nicht wirklich zusammenhängend, aber vor allem die zweite Parkbankszene legt den Grundstein für eine lange und erfolgreiche Zusammenarbeit von Karan mit Parkbänken.

KABHI KHUSHI KABHIE GHAM
In Kabhi Khushi Kabhie Gham setzt Karan seine Parkbankszenen dann schon sehr viel bewusster ein – hier sind es nicht nur Schlüsselszenen, sondern werden auch stark miteinander verknüpft und bilden einen durchgehenden roten Faden. In diesem Film fallen diese Szenen besonders auf, weil gerade K3G vollgestopft ist mit dramatischen Einstellungen, und Donner-Effekten und Bombast, und so die sehr zurückgenommenen Parkbankszenen wie konzentrierte Ruhepole wirken.

Die erste Szene ist hier der tränenreiche Abschied der beiden Brüder – Rahul ist todtraurig darüber, dass er seinen kleinen Bruder verlassen muss, während Rohan absolut nicht versteht, warum dies alles jetzt überhaupt geschieht. Rahul gibt ihm eine universale Lebensweisheit mit auf den Weg, plus drei wunderbar sympathische-triviale Aufträge: Pass auf Mama auf, komm ins Cricket-Team und nimm ab.

Wenn du im Leben etwas erreichen willst, wenn du gewinnen willst, höre immer auf dein Herz. Und wenn es die Antwort einmal nicht kennt, dann schließe einfach die Augen und denk an Mama und Papa. So wirst du jedes Hindernis überwinden, und du wirst alle deine Probleme meistern. Und am Ende bist du der Gewinner, nur du allein.“

Ein Ratschlag, der perfekt überleitet zur nächsten Parkbank-Szene – der Wiedervereinigung von Rahul und Rohan, herbeigeführt durch eben diesen Ratschlag, mit dem Rahuls Sohn Rohan identifiziert. Und die Szenen werden auch weiter mit dem Aufgreifen der „Um Mutter kümmern, ins Cricket-Team kommen und abnehmen“-Anweisungen verknüpft. Eine wunderschöne bewegende Szene, die auch einen angenehm ruhigen Gegenpol zu dem Nationalhymnen- Patriotismus-Bombast zuvor bietet.

Die letzte Szene ist eigentlich keine Parkbank-Szene, sondern eine Sitzschaukel-Szene, aber sie gehört trotzdem ganz offensichtlich in die Parkbank-Reihe, da sie die Komplementärszene zur Rahul-Rohan-Wiedervereinigung darstellt. Dort die beiden Brüder, in schwarz auf einer weißen Bank, wobei Rohan Rahul bittet seinen Stolz zu überwinden und Yash zu verzeihen. Hier nun die Eltern, in weiß auf einer dunklen Bank, wobei Nandini Yash bittet seinen Stolz zu überwinden und Rahul zu verzeihen. Ich habe über diese Szene schon vor Jahren im Zuge der „1 Jahr Bollywood“-Aktion einen Beitrag verfasst (mei, ist das lang her…), ich denke ich muss also nicht mehr allzu viel darüber schreiben.

Drei sehr schöne und persönliche Szenen, die beweisen, dass Karan wirklich ein Gespür für Film hat, auch mit leisen Szenen hervorragend umgehen kann und damit bestens in der Lage ist, ein gesundes Gleichgewicht zwischen episch-großen und persönlich-kleinen Momenten zu schaffen.

Kurze Verschnaufpause außerhalb der Reihe: Bei Kal Ho Na Ho führte Karan Johar nicht selbst Regie, und so halten sich Parkbank-Szenen hier ziemlich in Grenzen – ein bisschen Einfluss hatte er aber doch offensichtlich, und so spielt der ganze „20 Jahre später“-Teil auf, genau, einer Parkbank. Die schönste Aufnahme der Bankszene ist leider geschnitten worden, aber weil KHNH sowieso außer Konkurrenz läuft, bin ich mal frech und nehm hier trotzdem diesen Shot her:

KABHI ALVIDA NAA KEHNA
So, jetzt auf zum KANK-Bankmarathon. Hier kannte Karan Johar dann gar keine Zurückhaltung mehr und hat mit Parkbank-Szenen nur so um sich geworfen, und so finden wirklich überraschend viele wichtige Momente zwischen Dev und Maya auf Parkbänken statt. Tatsächlich auch wirklich nur Dev und Maya – Parkbänke sind anscheinend für das „wahre Paar“ des Films reserviert, es gibt keine Szenen mit Rishi oder Rhea auf Bänken.

Schon nach wenigen Filmminuten macht Karan deutlich, dass in diesem Film die gesamte Dev-Maya-Beziehung durch Bankszenen definiert wird. Schon ihr allererstes bedeutungsschweres Treffen ist kein bombastisches „Liebe auf den ersten Blick“-Ding mit Donner und Regen und Zeitlupe – nein, sie treffen sich auf einer Parkbank und reden. Dieses Treffen steht nicht nur am Beginn ihrer Bekanntschaft, es verändert auch erstmal gehörig das Leben der beiden zum schlechteren – Maya heiratet wegen Devs Ratschlag, Dev hat einen Unfall weil er in Gedanken noch bei Maya ist. Und das alles wegen einer Parkbank.

Schon in der direkt darauf folgenden Sequenz bekommen wir die nächste Parkbank, dieses Mal um Devs neuen Charakter nach dem Unfall schnell deutlich zu machen. Aber wer würde nicht auch lästig reagieren, wenn sich irgendwelche nervigen Leute einfach so auf seine Parkbank setzen…

Aber zurück zur Dev-Maya-Beziehung. Wir sind beim nächsten Schritt angelangt – Dev und Maya erkennen, dass sie allein nicht mit ihren scheiternden Ehen fertig werden, und dass sie sich gegenseitig als Freunde brauchen. Wo schließt man am besten Freundschaften? Genau, auf einer Parkbank. Diese Szene macht auch schön deutlich, warum gerade KANK so viele Bankszenen einbauen kann: Dev muss sich wegen seinen Beinschmerzen ständig hinsetzen. Was für eine geniale Ausrede um seinen Parkbank-Fetisch auszuleben.

Nachdem die beiden nun Freunde sind, folgt der nächste Schritt in ihrer Beziehung – sie erkennen, dass sie sich lieben und müssen entscheiden, was sie deswegen nun tun. Sie entscheiden sich zu trennen – während sie im Bahnhof auf den Wartebänken sitzen. Gut, das sind eigentlich keine Parkbänke, aber das zählt schon. Vielleicht wären sie länger bei dieser Entscheidung geblieben, wenn sie eine echte Parkbank gehabt hätten – die Entscheidung zur Trennung auf dieser Pseudo-Parkbank hält ja gerade mal ein paar Minuten.

So, jetzt also Dev-Maya-Affäre – was die beiden während dieser Zeit mit/auf den New-Yorker-Parkbänken machen zeigt uns der Film nicht. Wahrscheinlich ist da das indische Publikum noch nicht bereit dafür (und man will ja die Zensur nicht verärgern). Aber wir setzen mit Parkbankszenen wieder ein, als sie ihre Affäre beenden und beschließen zu ihren Ehepartnern zurückzukehren. Ihr letztes Treffen, ihr großer Abschied findet – wie sollte es auch anders sein – auf einer Parkbank statt.

Die Jahre ihrer Trennung und Einsamkeit werden dann durch den Titelsong dargestellt, und darin finden sich natürlich auch ein paar Parkbankszenen. Was symbolisiert schließlich stärker „Einsamkeit“ als allein auf einer Parkbank zu sitzen wenn man sich zuvor mit seiner/seinem Liebsten bei jeder wichtigen Entscheidung auf Parkbänken getroffen hat. Wir haben also einmal Dev auf der Parkbank beim Central Park, als Gegenstück zu der früheren Szene: statt genervtem Ekel-Dev sehen wir nun einen verlassenen Mann, der sogar dankbar den Trost wildfremder Leute annimmt.

Und zum anderen haben wir zweimal eine verlassene heulende Maya auf einer Parkbank, ich hab mal nur eine Szene für hier genommen, das sollte reichen. Hier wird auch besonders deutlich, wie sehr Karan seine Bank liebt – es gibt ja eigentlich keinen Grund, warum man in dieser Szene eine Bank braucht. Da stehen keine Bänke vor dem Washington Square Park Brunnen, und jeder normale Mensch der da vorbei kommt und sich hinsetzen will, setzt sich auf den Brunnenrand. Da kann man notfalls auch ganz toll in Tränen ausbrechen und sich selbst bemitleiden. Aber nein, Karan reicht der Brunnenrand nicht, er will eine Bank.

Die logische Schlussfolgerung dieses roten Fadens wäre ja eigentlich, dass die Wiedervereinigung des Paares ebenfalls auf einer Parkbank stattfinden würde – aber Karan fand wohl (zurecht), dass das dann doch etwas übertrieben wäre. Er lässt es sich aber nicht nehmen, die Wiedervereinigung zumindest vor einer Bahnhofsbank spielen zu lassen – das zählt also eh fast.

Bemerkenswert bei den KANK-Bankszenen ist auch, dass es bis auf die allererste Szene immer dieselbe Bank ist. An den Orten, an denen Karan seine Bankszenen filmen wollte, gibt es nämlich keine Parkbänke (äh ja, ich hab das überprüft), also musste Karan seine Bank immer selbst mitbringen. Und abgesehen von ein paar neuen Farbanstrichen ist es in KANK halt immer dieselbe Bank. Ob Karan sich diese Bank aufgehoben hat? Er wird sie wohl kaum im Flieger mit nach Indien genommen haben, aber vielleicht sehen wir die Bank ja in My Name Is Khan wieder, an diversen Orten in Los Angeles, San Francisco und Washington, an denen eigentlich keine Parkbank stehen sollte?

Es ließe sich noch einiges mehr über die Verwendung der Parkbänke in Karans Filmen schreiben, aber das soll hier ja nicht noch länger werden. Es muss also das Fazit reichen: Karan Johar hat einen Parkbank-Fetisch, aber das ist auch gut so – schließlich weiß er, wie er den sehr wirkungsvoll in seinen Filmen einsetzen kann. Wenn man die Entwicklung von KKHH bis KANK ansieht, kann es nicht mehr lange dauern, bis wir von Karan den ersten Film bekommen, der komplett auf einer Parkbank spielt – aber wir freuen uns ja, wenn er neue Wege beschreitet. Also sind wir mal auf My Name Is Khan gespannt – und grinsen bis dahin seelig vor uns hin, wenn Karan in seinem Blog solche Dinge schreibt:
“So, welcome to my bloggers park. I hope you find yourself a bench.”

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10 Antworten zu “Karan Johar und die Parkbank”

  1. phryne sagt:

    klasse beitrag! hat spaß gemacht es zu lesen. bei K3G sind die Parkszenen schon sehr auffällig bei , KANK habe ich darauf gar nicht so geachtet , weil sie nicht immer so sehr ins Szene gesetzt wurden und wie du schon schreibst viele Szenen davon gab. Interessant , das an diesen Orten gar keine Bank vorhanden ist, und dadurch als Filmischer Mittel noch größere Bedeutung bekommt , da jedesmal bewußt eingesetzt.

  2. Tine sagt:

    wieder mal klasse beitrag maria. ich vermisse deine bollywoodeinträge in letzter zeit ja sehr :(
    ich weiß nicht, ob du es absichtlich weggelassen hast oder dir entfallen ist, aber in KKHH gibts ja noch eine bankszene zwischen rahul, tina und anjali, nachdem diese sich ja so “herausgeputzt” hat. könnte auch sein, dass es absicht ist, weil sie ja nicht auf der bank sitzen sondern nur dahinter stehen. aber ich fand die szene doch schon recht wichtig. erst tina und anjali auf der bank. dann rahul, tina und anjali hinter der bank und dann nur noch rahul und anjali auf der bank.

  3. Isabel sagt:

    Wunderbarer Beitrag! Sehr erbaulich. Du bringst mich immer wieder zum Lachen und zum Lächeln. Jetzt sind meine Sinne definitiv geschärft, um beim nächsten Johar-Film der Parkbank-Thematik gebührende Beachtung zu schenken. So cool. Danke!!

  4. bollyfan sagt:

    ich lese deine seite schon seit 2 jahren oder so mit, gebe aber kaum kommentare ab aber ich muss sagen dass es Artikel wie diese sind wegen denen ich deine seite so liebe.
    Einfach Wunderbar was du schreibst und vor allem wie du es schreibst

  5. linny sagt:

    sehr schöner Beitrag.
    Ich bin ja mal gespannt, wieviele Bankszene wir in MNIK zu sehen bekommen werden. ^^

  6. Don Vito sagt:

    Hallo Maria,

    dies ist, nach längerer Zeit, endlich mal wieder einer der Beiträge, weswegen ich Deine Seite so liebe. Bitte wieder mehr davon. Auch ich werde in Zukunft verstärkt auf Parkbankszenen in Karan Johar Filmen achten.

  7. Ursula sagt:

    Hallo Maria,
    ich kann mich den anderen nur anschliessen. Wie hat es Bollyfan so treffend beschrieben: Einfach wunderbar was du schreibst und vor allem wie du es schreibst

  8. Hannah sagt:

    Ich schliesse mich ebenfalls den anderen an :)
    Ein herrlicher Beitrag mit einer wunderbaren Portion Ironie versehen,
    also ich jedenfalls konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen und hab dann doch ziemlich gestaunt, dass SO viele Bänke in KANK ihren Platz gefunden haben ;)

  9. Bollywood-Blog « Mainis Psücho Blog sagt:

    [...] auf Bollywood. Um so schöner, dass ich heute wieder einen tollen Beitrag gelesen habe: Maria über Karan Johar und die Parkbank. Wer ihn noch nicht gelesen hat: husch [...]

  10. Cagla sagt:

    WUNDERSCHÖNER BEITRAG. KOMPLIMENT!!!! Sehr witzig geschrieben. Für einen Karan Fetischisten wie mich einfach genial. Ich werde deinen Blog auf jeden fall weiterr besuchen und weiterempfehlen.

    LG Coffee with Cagla

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