OUR MUTUAL FRIEND

18. August 2008

Da sag noch mal einer, es wäre schlecht sich Filme und Serien nur nach Schauspielern auszusuchen: ohne meine Paul-McGann- Begeisterung hätte ich diese wunderschöne Verfilmung von Charles Dickens letztem Roman (zu Deutsch “Unser gemeinsamer Freund”) wohl nie angesehen. Dabei ist diese BBC-Miniserie von 1998 mit vier Teilen von je 90 Minuten wirklich ein kleines Juwel mit einer wunderbaren Cast, das ich jedem nur wärmstens empfehlen kann. Ich glaub, ich muss überhaupt in nächster Zeit ein paar mehr Kostümdramen gucken…

Regisseur: Julian Farino
Drehbuch: Sandy Welch
Musik: Adrian Johnston
Darsteller: Steven Mackintosh, Paul McGann, Anna Friel, Keeley Hawes, David Morrissey, Dominic Mafham, Peter Vaughan, Pam Ferris, Timothy Spall, Kenneth Granham, David Bradley, Katy Murphy
Erscheinungsjahr: 1998

STORY
Als der reiche Mr Harmon stirbt, soll sein Vermögen an seinen Sohn John Harmon gehen, der deswegen aus Südafrika nach England zurückreist. Das Erbe bekommt er aber nur, wenn er Bella Wilfer (Anna Friel) heiratet, ein Mädchen das er noch nie gesehen hat. Soweit kommt es aber gar nicht: die arme Lizzy Hexam (Keeley Hawes) und ihr Vater fischen den jungen Mann tot aus der Themse. Somit geht das ganze Geld an Harmons ärmliche Verwalter Mr und Mrs Boffin (Peter Vaughan, Pam Farris), die damit plötzlich in Londons höchsten Kreisen verkehren und auch Bella Wilfer in ihr Haus aufnehmen. Derweil untersucht Harmons Anwalt Mortimer Lightwood (Dominic Mafham) den Tod von John Harmon, wobei sich sein Freund Eugene Wrayburn (Paul McGann) sehr für Lizzy Hexam zu interessieren beginnt. Allerdings hat auch Bradley Headstone (David Morrissey), der Lehrer von Lizzys Bruder, ein Auge auf Lizzy geworfen. Und dann ist da noch John Rokesmith (Steven Mackintosh), der unter mysteriösen Umständen bei der Identifizierung von John Harmons Leiche dabei war, und der nun bei den Boffins als Sekretär arbeitet…

REVIEW
Ein Kritiker hat behauptet, Dickens Roman Our Mutual Friend handle von “money, money, money, and what money can make of life”. Zum Teil stimmt das natürlich – Geld und Status, und welchen Einfluss das eine auf das andere hat, spielen eine wichtige Rolle in dieser Geschichte. Doch gerade im späteren Verlauf rückt ein anderes Thema in den Vordergrund: Liebe, die sich nicht um Geld und Klasse kümmert und sich über deren Grenzen hinwegsetzt.

Man sieht es ja mit einem Blick auf die Storyzusam- menfassung oben: Our Mutual Friend hat ein großes Figurenarsenal und viele verschiedene Handlungsfäden, die alle irgendwie durch den Tod von John Harmon verknüpft sind. In der Aufzählung oben fehlen sogar noch mindestens drei Nebenhandlungen. Das könnte konfus werden, wird hier aber sehr elegant aufgebaut und sorgt für viel Abwechslung und Handlung. So kompliziert ist es ja sowieso nicht, im Grunde gibt es zwei Haupthandlungen – zum einen die Geschichte von John Rokesmith, Bella Wilfer und den Boffins, zum anderen die Dreiecksbeziehung zwischen Lizzy, Eugene Wrayburn und Bradley Headstone. Beides sehr ansprechende, spannende Handlungen voller faszinierender Figuren.

Die Figurenzeichnung ist überhaupt eine besondere Stärke von Our Mutual Friend, und somit ist es auch erfreulich, dass es so viele Charaktere gibt. Die Figuren reichen durch alle Gesellschaftsschichten, decken jeweils sehr unterschiedlich veran- lagte Personen ab und sind meistens durchaus realistisch und immer faszinierend interessant gelungen. Dazu sind die Schauspieler hier auch durchs Band weg toll und selbst in kleinen Nebenrollen findet man noch bekannte Gesichter.

Eugene Wrayburn hat bei mir natürlich den Paul-McGann-Bonus, aber auch ohne den wäre Wrayburn sicher meine Lieblingsfigur in dieser Geschichte. Wrayburn ist ein gelangweilter aber herzensguter Mensch, der lieber seinen Gefühlen folgt statt der Vernunft zu gehorchen, der nur tatenlos ist, weil er kein Ziel kennt das es wert wäre Energie dafür aufzubringen, der einfach vor sich hinlebt ohne große seine Zukunft zu planen – und das in einer kalten berechnenden Gesellschaft. Keine besonders gesunde Mischung, aber ganz sicher eine mit der sich Wrayburn sofort einen Weg in die Herzen der Zuschauer freikämpft.

David Morrisseys Bradley Headstone ist ein großartiger Gegenpol zu Wrayburn – die beiden haben kaum Szenen zusammen, diejenigen die sie haben sind aber grandios. Es ist herrlich mitanzusehen wie Wrayburn Headstone mit seiner Gelassenheit, Selbstsicherheit und ruhigen Überheblichkeit zur Weißglut treibt. Headstone ist überhaupt ein sehr faszinierender Charakter – seine extreme Leidenschaft für Lizzy mag ein wenig unrealistisch sein, doch es funktioniert trotzdem gut. Headstone ist ein sehr temperamentvoller Mensch, der nicht in der Lage ist seine negativen, zornigen Gefühle im Zaum zu halten – anfangs will man ihn noch tröstend in den Arm nehmen, im Laufe der Handlung wird er immer wahnsinniger und armseliger. Irgendwie hat man immer Mitleid mit ihm, gleichzeitig verachtet man ihn aber auch. Morrissey spielt das wunderbar – sehr schön dabei auch, dass er die meisten seiner Szenen in der zweiten Hälfte mit David Bradley hat, mit dem er später auch in Blackpool toll zusammenspielt (den meisten ist Bradley aber wohl eher als Argus Filch aus den Harry-Potter-Filmen bekannt).
[Kurze Nebenbemerkung: Mir tut Morrissey ein bisschen Leid - in quasi allem was ich mit ihm sehe steht ihm als Gegenspieler ein Time Lord gegenüber (David Tennant, John Simm, Paul McGann), gegen den er einfach nicht ankommt. Ich hoffe wirklich für ihn, dass seine Rolle im kommenden Doctor-Who-Weihnachtsspecial nicht als Kontrahent des Doctors ist - sonst setzt sich das ja ewig fort.]

Steven Mackintosh (Bollywoodfans als Mr McKinley aus Rang de Basanti bekannt) spielt seinen John Rokesmith sehr sympathisch und doch mysteriös. Es wird zwar eigentlich schon im Laufe der ersten Episode deutlich, welches Spiel Rokesmith spielt, und zu Beginn der zweiten Episode wird es auch schon klar ausgesprochen – trotzdem bleibt Rokesmith eine undurchsichtige und sehr interessante Figur.
Neben so vielen tollen Männerfiguren braucht man aber auch starke Frauen, die haben wir in Lizzy und Bella. Keeley Hawes schafft es wunderbar, Lizzy als schöne und rundum gute, warme Frau, der gleich zwei Männer wider ihres besseren Wissens verfallen, zu spielen und dabei gleichzeitig sehr realistisch und natürlich zu wirken. Anna Friel kannte ich bisher nur aus Pushing Dasies und ich konnte sie mir nicht so ganz in einem Kostümdrama vorstellen, doch sie passt da wunderbar hinein und spielt die junge, aufgeweckte Bella trotz deren Fehlern sehr sympathisch.

Verzichten können hätte ich auf die Nebenhandlung um Wigg und Mr Venus – die werden zwar von Kenneth Graham und vor allem Timothy Spall sehr schön gespielt, aber letztlich ist ihre Handlungslinie einfach nicht besonders wichtig für die Haupthandlung, und sie zieht sich einfach zu sehr.

Eine tolle Handlung, interessante Figuren und wunderbare Darsteller würden allerdings wenig bringen, wenn die Präsentation nicht funktioniert: aber auch hier kann Our Mutual Friend punkten. Die Sets und Kostüme sind sowieso grandios, wie man es ja auch von der BBC erwartet, aber auch die Regie ist elegant und schafft es, dass die 6 Stunden Laufzeit wie im Flug vergehen und die Miniserie ganz sicher nie langweilig wird. Und auch die Kamera ist bemerkenswert – es finden sich immer wieder faszinierende Einstellungen und Kamerabewegungen, und die oft sehr düstere Beleuchtung ist auch sehr gelungen.

Our Mutual Friend hat vier BAFTA-Awards erhalten, unter anderem Best Drama Serial – meiner Meinung nach absolut verdient. Eine wunderbare Umsetzung von Charles Dickens Roman – vielschichtig, witzig, traurig, ernst, romantisch, tragisch, mit einer Reihe von tollen Schauspielern und sehr stimmungsvoll und elegant umgesetzt.


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8 Antworten zu “OUR MUTUAL FRIEND”

  1. Katrin sagt:

    Du sollst mir nicht immer Lust auf solche Sachen machen!!! Verdammt, ich wollte doch kein Geld mehr ausgeben … aber die DVD kommt auf alle Fälle mal auf meine Einkaufsliste für Oktober. (Oder nächste Woche, falls das mit dem Flug noch klappt und ich dann Zeit zum Shoppen habe.)

    Was David Bradley anbelangt: Der hat in Wild West eine ganz fantastische Rolle – neben Catherine Tate einer der besten Charaktere in der Serie. (Wild West ist überhaupt an sich schon toll!)

  2. babasko sagt:

    *sigh* du kannst mich doch nicht schon wieder einkaufen schicken!!!

    ps: ausserdem. kann mir einer sagen warum die “time-flight/arc of infinity” dvd so teuer sein muss.. *quengel*

  3. Katrin sagt:

    Wow, die ist bei play wirklich fies teuer. *mitquengel* Bei Amazon gibts grad ein Angebot für 21 € von dvdcouk – bei denen bestell ich ganz gerne.

  4. Maria sagt:

    Soll ich dann also lieber keinen McGann-Picspam machen wenn ich mit dem gerade bei mir eingetroffenen Hornblower durch bin, damit ihr nicht auf noch mehr Einkaufsgedanken kommt? ;-)

    Die Our Mutual Friend DVD ist übrigens auch bei den meisten Shops recht teuer bzw nicht mehr in stock – ich hab dafür auf ebay recht billig die holländische DVD mit englischem Ton und ausblendbaren holländischen UT gekauft. Ich kann euch die DVD aber natürlich gern ausleihen – Katrin wartet sowieso noch auf ihr Päckchen…

    Ich hatte gestern übrigens einen dramatischen “Nahiiiin”-Moment, als ich erfahren hab, dass Paul McGann eigentlich Sharpe hätte spielen sollen, dann aber leider wegen eines gebrochenen Beines gegen Sean Bean ausgetauscht wurde. Nichts gegen Sean Bean – aber Paul McGann als Sharpe wäre schon sehr schick gewesen…. Bilder gibts immerhin noch:
    http://img.photobucket.com/albums/v643/iansmomesq/mcgann6.jpg
    http://img.photobucket.com/albums/v643/iansmomesq/mcgann5.jpg
    http://img.photobucket.com/albums/v643/iansmomesq/mcgann3.jpg
    http://img.photobucket.com/albums/v643/iansmomesq/mcgann1.jpg

    EDIT: Ich hab euch noch ein kleines Audioschnipsel gebastelt, das erste Treffen von Wrayburn und Headstone. Headstone kommt mit Charley Hexam zu Wrayburn um sich darüber aufzuregen, dass Wrayburn Lizzys Unterricht zahlt – ich hab das ganze gejammer von Charley Hexam rausgeschnitten, Wrayburn ignoriert den sowieso komplett. Zwischen “I shall call you schoolmaster” und “you think no more of me..” fehlt also einiges. Und die Stimme die gegen Ende dazukommt ist Lightwood.
    http://www.mariakaefer.de/upload/eugene.mp3

  5. babasko sagt:

    “my dear mortimer, I haven´t the faintest idea” *squeeeeeeee*

    aber mit der erwähnung von sean bean has du mir wieder ins gedächtnis gerufen, dass ich mir dringend wieder mal eine dosis boromir in FOTR geben muss..

    edit: und bezüglich McGann Picspam… just keep´em coming…:D

  6. Maria sagt:

    Wrayburn und Lightwood sind sowieso ein wunderbares Paar – sie wohnen zusammen, helfen sich beim anziehen, kommen mitten in der Nacht ins Schlafzimmer des anderen weil sie nicht einschlafen können…

    Picspam mach ich dann wohl zusammen mit Hornblower – aber das dauert noch bis ich da durch bin, das sind 8 Filme, und Paul McGann taucht sowieso erst in den letzten vier auf (allerdings kann man auch Hornblower selbst sehr gut anschmachten, das stört also nicht weiter *g*)

    LotR-Geschmachtet hab ich auch schon ewig nicht mehr…

  7. Maya22 sagt:

    Hi Maria,

    vielen Dank für die tolle Kritik – der Film kommt gleich auf meine Einkaufsliste.

    Wenn du demnächst weitere Kostümdramen anschauen willst, möchte ich dir gerne noch 2 eindrucksvolle BBC Serien an Herz legen:
    ‘North & South’ nach dem Roman von Elizabeth Gaskell
    von 2004, mit einem grandiosem Richard Armitage und einer zauberhaften Daniela Denby-Ashe
    und ‘Jane Eyre’ nach Charlotte Bronte’s Klassiker
    von 2006, ein umwerfender Toby Stephens (bekannt aus Mangal Pandey) zusammen mit Ruth Wilson

    P.S. ich freu mich schon auf den Picspam :-D

  8. Maria sagt:

    Vielen Dank für die Empfehlungen – North and South ist ganz sicher in der nächsten Zeit mal dran, von dem hab ich bisher nur gutes gehört und die Bilder daraus sehen auch toll aus. Jane Eyre les ich momentan, gut möglich, dass ich danach auch noch eine Verfilmung sehen möchte, da werd ich dann wohl diese Miniserie nehmen

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