GREAT EXPECTATIONS (inkl. Picspam)

16. September 2008

Hier im Blog ist weiterhin Schwerpunkt Kostümdrama angesagt, diesmal mit einer weiteren Dickens-Miniserie: nach Our Mutual Friend hat sich die BBC 1999 Great Expectations angenommen, Charles Dickens’ Roman von 1860/61. In zwei Teilen wird hier also in 3 Stunden die Geschichte des Waisen Pip erzählt, mit Ioan Gruffudd in der Hauptrolle. Damit wäre das ein weiterer Teil der Reihe “Schnuffel-orientiertes DVD-Kaufen hat definitiv gute Seiten und bringt einen zu großartigen Sachen”. Das potthässliche Cover haben übrigens die Holländer verbrochen, es scheint von dieser Verfilmung keine britische DVD zu geben.

Regisseur: Julian Jarrold
Drehbuch: Tony Marchant
Musik: Peter Salem
Darsteller: Ioan Gruffudd, Justine Waddell, Gabriel Thomson, Bernard Hill, Charlotte Rampling, Ian McDiarmid, Nicholas Woodeson, Daniel Evans, Gemma Gregory, Clive Russell, Lesley Sharp
Erscheinungsdatum: 1999

STORY
Der Waise Pip (Gabriel Thomson) wird von seiner Schwester (Lesley Sharp) und deren Mann Joe (Clive Russell), einem Schmied, aufgezogen. Von Zeit zu Zeit bittet ihn die reiche, aber vereinsamte Miss Havisham (Charlotte Rampling) zu sich um ihm beim spielen mit ihrer Adoptivtochter Estella (Gemma Gregory) zuzusehen. Einmal in Kontakt mit dieser Welt gekommen wünscht sich Pip ein Gentleman zu werden – ein Wunsch, der in Erfüllung geht als der Anwalt Jaggers (Ian McDiarmind) auftaucht und den nun erwachsenen Pip (Ioan Gruffudd) erklärt, dass sich ein reicher Wohltäter ihm angenommen hat und er nach London kommen soll. Allerdings darf er nicht wissen, wer dieser Wohltäter ist. In London lässt er es sich als Gentleman gut gehen, entfremdet sich von seinen früheren Freunden – und trifft Estella (Justine Waddell) wieder…

REVIEW
Great Expectations handelt von diversen kleinen und großen Erwartungen die sehr häufig nicht erfüllt werden. Wer allerdings große Erwartungen an diese Verfilmung hat, der braucht sich keine Sorgen zu machen, da wird man nämlich sicher nicht enttäuscht.
Es ist natürlich nicht ganz einfach den gesamten Stoff den Dickens bietet in 3 Stunden unterzubringen. Vor allem in der zweiten Hälfte muss dazu einiges gekürzt werden. Allerdings ist das nicht allzu tragisch: Es hätte der Verfilmung zwar sicher nicht geschadet noch ein paar Stunden Laufzeit hinzuzufügen, einfach weil sie so wunderschön ist, dass man nicht genug bekommen kann. Aber die Kürzungen und Vereinfachungen fallen kaum ins Gewicht, die Story bleibt auch so absolut verständlich und flüssig und wirkt eigentlich nie gehetzt. Ein paar kleine Dinge werden vielleicht zu wenig erklärt, bspw sind anfangs manche Beziehungen zwischen den Figuren nicht ganz klar, oder es wird eigentlich nie erklärt woher Magwitch sein Geld hat – aber all das stört kaum.

Am meisten Lob in der Crew der Miniserie hat aber Kameramann David Odd verdient. Schon nach wenigen Minuten war ich absolut verliebt in die Kameraarbeit – Great Expectations ist voll von berückend schönen Landschaftsaufnahmen, faszinierend ausgeleuchteten Räumen und poetischen Bildkompositionen. Ein wahres Fest für die Augen. Da bedauert man es wirklich sehr, dass heute so selten im 4:3-Format gedreht wird, wo man damit doch so schöne Sachen anstellen kann. David Odd kreiert so gleich von Beginn an eine großartige dichte Atmosphäre, von den weiten leeren Marschlandschaften, dem unheimlich verwilderten Anwesen von Miss Havisham, dem düsteren Kindheitshaus Pips, den hektischen Straßen Londons, der steifen High Society. Alles in eher gedeckten, aber sich schön ergänzenden Tönen mit vereinzelten Farbakzenten. David Odd war für Great Expectations für einen BAFTA nominiert, genauso wie für Our Mutual Friend und noch vier andere Projekte, und hat ihn bisher immer noch nicht bekommen – mir völlig unverständlich Ich hab mal eine kleine Collage mit einigen dieser schönen Einstellungen gemacht, auch wenn die natürlich in Bewegung und im Filmkontext viel besser wirken. Zum vergrößern bitte auf das Bild klicken.

Einen bedeutenden Anteil daran, dass das alles so wunderschön ist, trägt natürlich auch die Ausstattung und die Kulissen – die sind auch großartig und herrlich detailverliebt. Am besten zu sehen wohl in Miss Havishams Haus, das voll mit verstaubten, verwesenden und verfallenden Dingen ist, oder Wemmicks kleine Hütte voller Kuriositäten. Absolut zum verlieben.

Alle schöne Kamera und Ausstattung bringt wenig, wenn die drin agierenden Schauspieler nichts taugen, aber natürlich bringt auch hier die BBC wieder ein faszinierendes und tolles Ensemble zusammen. Ioan Gruffudd spielt Pip ehrlich und natürlich, und trotz all seiner Fehler stets absolut sympathisch, seine Kinder-Version Gabriel Thompson ist ebenfalls ziemlich toll und nebenbei total knuffig. Justine Waddell bringt die Kälte ihrer Estella schön herüber, schafft es aber trotzdem die Figur interessant zu halten. Charlotte Rampling beeindruckt als verbitterte und exzentrische Miss Havisham, und Lesley Sharp und Clive Russell spielen auch gut. An bekannten Gesichtern kommen noch der wunderbar anwalts-schmierige Ian McDiarmid (kennen wir als Chancellor Palpatine bzw der Imperator) und der ebenfalls sehr klasse spielende Bernard Hill dazu (kennen wir als Kapitän der Titanic und als König Thà©oden). Sehr erfreulich ist auch Daniel Evans als Pips Freund Herbert, der wirklich sehr knuffig ist – Doctor Who Fans kennen den übrigens als Danny Llewellyn aus Christmas Invasion.
Zum Ioan-Schmachten ist Great Expectations natürlich perfekt, David Odd sorgt dafür, dass er immer schön in Szene gesetzt wird und die BAFTA-prämierte Kostümabteilung sorgt für wunderbare Kostüme (gilt natürlich auch für die restliche Cast). Ein klitzekleines Problemchen gibt’s allerdings: Bekanntermaßen bin ich begeisterter Fan von Sideburns, Ioan Gruffud ist aber einfach kein Sideburns-Mensch, so dass die teilweise irgendwie fehl am Platz wirken. Tragisch. Als Ausgleich bekommen wir ein anderes Schmankerl: Ioan zitiert aus der Odyssee. Auf Altgriechisch. Gah. (24. Gesang, V. 226-28/232-34. Und nein, ich find es nicht geekig, dass ich das nachgeschlagen hab ;-) )

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Ich denke, es ist klar geworden, wie sehr ich diese Adaption liebe. So vieles daran ist einfach herrlich und wunderbar, und es fällt mir schwer ernste Schwächen aufzuzählen. Es ist wirklich äußerst schade, dass man die Verfilmung eigentlich nur über die eher lieblos gemachte niederländische DVD bekommt – und dass man eigentlich sowieso nicht darauf stoßen würde, wenn man nicht gerade alles halbwegs interessante mit Ioan Gruffudd einkauft. Jedenfalls kann ich diese Miniserie nur wärmstens weiterempfehlen – nicht nur für Ioan-Fans (wobei die es sich sowieso auf gar keinen Fall entgehen lassen dürfen), sondern einfach allen, die schön erzählte, poetisch gefilmte, liebevoll ausgestattete, klasse gespielte und schön atmosphärische Dickens-Adaptionen zu schätzen wissen.

Pip-Picspam

Ich bin nach wie vor nicht in der Lage, einen Film mit Ioan Gruffudd zu besprechen ohne noch einen kleinen Picspam anzuhängen. Ich hab mich aber eh schon brav mit den Screenshots zurück gehalten, damit das hier nicht zu lang wird.

Awww – ein wahrer Gentleman. Dass er sich in Booten sehr gut macht , wissen wir ja aus Hornblower.

Die Segen von Kostümdramen: großartige Hemden und schicke Mützen

Ioan rockt den Versifft-Look – entweder mit Dreitagebart oder mit offenem Hemd beim schmieden:

Augenbrauen-Acting – und Ioan mit Schweinchen. Jeder Film sollte eine Szene haben in der Ioan ein quieckendes Schwein in den Armen hält.

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Eine Antwort zu “GREAT EXPECTATIONS (inkl. Picspam)”

  1. pk sagt:

    Hallo, es gibt Great Expectations von der BBC auch als britische Ausgabe mit englischen Untertiteln, und zwar einmal in der Charles Dickens Collection bei http://www.amazon.co.uk zu kaufen und außerdem (viel billiger) als Zeitschriftenbeileger der Daily Mail (British Classics Series Two) bei http://www.ebay.co.uk zu ersteigern. Vielen Dank für die guten Filmbeschreibungen und herzliche Grüße pk

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