MIDDLEMARCH

18. October 2008

Nach Miniserien die vor allem mit unsympathischen Charakteren aufwarten konnten, nun wieder eine Romanverfilmung in der man praktisch jeden gern knuddeln würde: die sechstündige BBC-Verfilmung von George Eliots Middlemarch, 1871-2 erschienen und 1830-32 spielend. George Eliot ist übrigens kein Mann, das ist nur das Pseudonym von Mary Ann Evans. Middlemarch hat nicht nur eine schöne Geschichte über das Leben in einer Kleinstadt zu bieten, sondern auch Schnuffel wie Rufus Sewell und BAFTAs für Juliet Aubrey, Make-up und Musik vorzuweisen.

Regisseur: Anthony Page
Drehbuch: Andrew Davies (Vorlage: George Eliot)
Musik: Chris Gunning, Stanley Myers
Darsteller: Douglas Hodge, Juliet Aubrey, Rufus Sewell, Trevyn McDowell, Patrick Malahide, Robert Hardy, Jonathan Firth, Rachel Power, Caroline Harker, Simon Chandler, Julian Wadham
Erscheinungsdatum: 1994

STORY
Dorothea Brooke (Juliet Aubrey) will nicht wie andere junge Frauen einen reichen Mann heiraten und eine gemütliche Familie gründen, sondern mit ihrem Leben etwas Großes und Wichtiges erreichen. Deshalb heiratet sie den älteren Geistlichen und Gelehrten Edward Casaubon (Patrick Malahide), der an einer wichtigen theologischen Arbeit schreibt. Dessen junger Cousin Will Ladislaw (Rufus Sewell) hält nicht nur wenig von Casaubon und seiner Arbeit, sondern verliebt sich auch in Dorothea.
Währenddessen kommt der
junge und ambitionierte Arzt Tertius Lydgate (Douglas Hodge) ins kleine Städchen Middlemarch und hofft dort neue medizinische Methoden durchsetzen zu können. Dagegen sieht er sich erst einmal mit Stadtpolitik konfrontiert – und verliebt sich in Rosamond Vincy (Trevyn McDowell). Deren Bruder Fred (Jonathan Firth) hat seine eigenen Probleme mit der Liebe: seit ihrer Kindheit sind er und Mary Garth (Rachel Power) ineinander verliebt, er muss aber erst einmal mit seinem Leben etwas Vernünftiges anfangen.

REVIEW
Der Storyanriss ist jetzt schon ziemlich lang, und dabei hab ich nur mal die drei Romanzen aufgeführt, was Middlemarch eigentlich kein bisschen gerecht wird. Zwar sind das die Haupthandlungsstränge, doch daneben wird auch Politik und Reform, Religion und Scheinheiligkeit, Geld und Schulden, Eheprobleme, Klassenunterschiede und alles andere, was sonst noch die typische Kleinstadt-Mentalität bestimmt, verhandelt. Der Roman trägt den Untertitel “A Study of Provincial Life”, und genau das darf man auch erwarten. Dabei spart Eliot natürlich auch negative Elemente nicht aus, hier soll eine realistische Kleinstadt mit lebensnahen Figuren beschrieben werden, und die bekommen selten nur Glück in ihrem Leben zu verspüren – auf ein Friede-Freude-Eierkuchen-Happy-End sollte man also nicht unbedingt warten. Für die Verfilmung musste von den vielen kleinen Beobachtungen, angeschnittenen Themen und Zwischentönen natürlich einiges geopfert oder vereinfacht werden, aber es bleibt doch immer noch erfreulich Vieles erhalten.

Es ist natürlich eine gewaltige Aufgabe diesem ambitionierten Roman in eine Miniserie umzuwandeln, und damit der Anfang nicht zu schleppend wird, muss man auf eine ausführliche Einführung der vielen Figuren und ihrer Beziehungen mehr oder weniger verzichten. Es sollte kein ernsthaftes Problem darstellen, aber damit sich niemand beschweren muss, dass der Einstieg zu verwirrend ist, hab ich mal die wichtigsten Charaktere aufgelistet – es läuft daneben natürlich noch viel anderes Stadtvolk herum, das ist aber nicht so besonders wichtig fürs Verständnis der Story.

Trotz dem vielen Stoff der in den sechs Stunden untergebracht werden muss, erhält sich die Miniserie ein gemütliches Tempo – Hektik würde auch kein bisschen zur Kleinstadtatmosphäre passen. Auch die Kamera passt sich dieser an: Middlemarch hat den typischen 90er-Look den bspw auch Pride and Prejudice aufweist: ansprechende und recht weiche, aber eher unspektakuläre Bilder. Doch das passt eben sehr gut zur Geschichte, die sich um das normale Leben dreht. Was aber nicht heißen soll, dass Middlemarch bescheiden daherkommt, die Ausstattung ist wie von der BBC üblich sehr stimmig und mit Liebe zum Detail gemacht, die Kleinstadt wirkt wunderbar authentisch und lebendig.

Die Besetzung ist ebenfalls mal wieder hervorragend und einer der großen Pluspunkte der Miniserie. Juliet Aubreys Dorothea zeigt viel Warmherzigkeit und Ehrlichkeit und es gelingt ihr sehr gut, ihre nicht immer ganz einfachen Beweggründe verständlich darzustellen. Rufus Sewell spielt seinen Will Ladislaw sehr eindringlich und hinterlässt trotz eher wenigen Szenen einen bleibenden Eindruck. Patrick Malahide ist ein wunderbar verkopfter Casaubon und Robert Hardy schön verplant als Brooke. Douglas Hodge bekommt wohl am meisten Screentime ab und stellt die verschiedenen Phasen die Lydgate durchläuft sehr schön dar. Trevyn McDowells Rosamond ist etwas hysterischer als ihre Vorlage, aber sonst sehr gut. Colin Firths kleiner Bruder Jonathan spielt auch souverän, und Rachel Power ist angenehm natürlich. Die vielen anderen Nebenschauspieler kann man hier gar nicht mehr aufzählen, aber dort findet man bis in die kleinsten Rollen sympathische Talente und interessante Charakterköpfe, die der Kleinstadt Leben einhauchen.

Ich bin ein klein bisschen enttäuscht von Andrew Davies – normalerweise kann man sich bei ihm darauf verlassen, dass er schicken Helden ein paar zusätzlich Szenen schreibt wenn sie sonst zu kurz kommen (siehe diverse zusätzliche Darcy-Szenen in Pride & Prejudice). Ladislaw dagegen kommt ja im Roman schon ziemlich kurz, und dann werden ihm in der Miniserie auch noch zwei wichtige Szenen gestrichen und eine stark gekürzt. Armer Ladislaw.

Bis auf ein paar nötige Kürzungen bleibt Andrew Davies aber sehr nahe am Original, in Handlung, Dialogen und Charakterisierung. Die einzige etwas größere à„nderung die mich auch etwas verwundert hat, ist,, dass gar nicht erklärt wurde, was es nun eigentlich mit Bulstrodes Vergangenheit auf sich hat – während das im Roman genau geklärt wird, bleibt es hier bei vagen Andeutungen. Vielleicht erschien Davies die zusätzliche Verbindung von Bulstrode und Ladislaw zuviel des Guten. Nachdem ich ja aus einem kleinen Kaff komme empfinde ich das aber nicht so – ich bin es gewohnt, dass jeder irgendwie mit jedem zusammenhängt.

Momentan scheint eine Kinoverfilmung von Middlemarch von Regisseur Sam Mendes mit Andrew Davies in Planung zu sein. So sehr ich darauf auch gespannt bin, frag ich mich schon, wie um alles in der Welt man diesen Stoff in einem Film unterbringen will, und dabei noch halbwegs dem Roman gerecht zu werden.

Middlemarch ist eine wunderbare Studie des Lebens der Leute in einer Kleinstadt, gekonnt vom Roman adaptiert und mit vielen lebensechten und sympathischen Figuren, interessanten Geschichten und Themen, tollen Schauspielern und schicker Ausstattung. Der Einstieg ist vielleicht für Leute die den Roman nicht kennen nicht ganz einfach, aber es lohnt sich dran zu bleiben – und mit meiner tollen Figurenvorstellung habt ihr da eh keine Ausrede mehr.


Andere Artikel zum Thema:

Tags: , , , , , , , , , ,

Hinterlasse eine Antwort