Filmkritik: SANGDIL (7/10)
12. February 2009
Dann beginnen wir mal wie angekündigt die kleine Hollywood-Bollywood-Brontë-Reihe. Den Anfang macht Sangdil – eine Bollywood-Adaption von Charlotte Brontës Jane Eyre, mit dem damaligen Traumpaar Dilip Kumar und Madhubala in den Hauptrollen (siehe Mughal-e-Azam und Amar), 1952 entstanden und 132 Minuten lang.
Die DVD von SLK bietet neben einem hässlichen Cover die eher schlechte Qualität die man von einem eher unbekannten Bollywoodfilm der 50er erwarten kann – aber ich hab schon schlimmeres gesehen.
Regisseur: R.C. Talwar
Musik: Sajjad
Darsteller: Madhubala, Dilip Kumar, Shammi, Leela Chitnis, Protima Devi
Crew: R.C. Talwar (producer), Prakash Malhotra (cinematography)
Erscheinungsjahr: 1952
STORY
Nach dem Tod ihres Vaters wird die kleine Kamla bei einem Freund ihres Vaters aufgenommen. Obwohl sie sich mit dessen Sohn Shankar anfreundet, bedenkt seine Frau die Kleine mit Dienerarbeiten und will sie aus dem Haus haben. Als Kamla in ein Waisenhaus gebracht werden soll, nimmt sie Reißaus und findet Zuflucht bei einer Klosterähnlichen Gemeinschaft wo sie aufwächst. Jahre später kommt Kamla (Madhubala) wegen eines Festes ins Haus des reichen Thakurs – und erkennt in ihm ihren Shankar (Dilip Kumar) wieder! Doch Shankar scheint seine Hochzeit mit Mohini (Shammi) zu planen – und verbirgt außerdem ein dunkles Geheimnis…
REVIEW
Jane Eyre könnte man eigentlich ohne à„nderungen problemlos nach Bollywood verfrachten – die in der Geschichte verhandelten Themen und Werte passen gut in einen Bollywoodfilm, gerade auch in den 50ern. Sangdil nimmt trotzdem noch so einige Bollywoodifizierungen vor: Kamla und Shankar werden zu Kindheitsfreunden gemacht, so dass ein gewisses schicksalshaftes Lost-and-Found-Element drin ist,
und gleichzeitig die Liebe der Protagonisten selbstverständlich wirkt. Diese à„nderung nimmt der Geschichte einiges an Kraft, weil eine ungebändigte Seelenverwandtschaft durch Sandkastenliebe ausgetauscht wird, aber ich sehe, warum Bollywood diese Version vorzieht.
Zum anderen wird Religion in den Vordergrund gerückt: Kamla kommt so nicht auf eine Schule, sondern wird einer religiösen Gemeinschaft aufgenommen und wird zur Anhängerin des Gottes Shiva (der auch Shankar genannt wird, was natürlich für Doppeldeutigkeiten sorgt). Auch eine à„nderung die man in Bollywood erwarten kann, und auch nicht sonderlich tragisch, weil Religion ja auch im Roman eine wichtige Rolle spielt.
Die Inszenierung ist ganz ordentlich, mit einem guten Tempo ohne größere Hänger und schönen Bildern. Besonders klasse ist die Gruselebene der Geschichte gelungen – mit der Geistersache wird wirklich schön gespielt, und das erst irre Lachen das man hört jagt einem tatsächlich einen kleinen Schauer über den Rücken. Das wird von Sangdil richtig ausgekostet und hier wird eine schön-schaurige Atmosphäre aufgebaut. Auch gelungen sind die meisten Szenen zwischen Kamla und
Shankar, besonders die nach dem Zimmerbrand und der Dialog nach der Enthüllung von Shankars Geheimnis.
Ziemlich fad umgesetzt wurde dagegen der Moment, in dem Shankars Geheimnis gelüftet wird. Da wird diese dramatische Tatsache enthüllt, und statt dass man sich auf gute alte Bollywood-Tugenden besinnt und erstmal entsetzte Gesichter zu donnernden Soundeffekten zeigt, die hier ausnahmsweise mal wirklich angebracht wären, kommt ein ganz ruhiger Dialog, und von Kamlas Reaktion auf diese Nachricht sehen wir erst Minuten später etwas. Schade, dass dieser große Moment so verschenkt wird. Überhaupt strauchelt Sangdil etwas damit, die großen Emotionen der Geschichte auf die Leinwand zu transportieren – die Schauspieler tun ihr bestes, werden aber immer etwas von der Inszenierung im Stich gelassen.
Schön dagegen, dass auf lästiges Comic Relief verzichtet wurde, das zu der Zeit in Bollywood ja sehr gebräuchlich war. Nur Shankar selbst darf mal als Wahrsager für etwas Humor sorgen, ansonsten werden wir von Albernheiten verschont.
Die Protagonisten füllen zwar die gleichen Rollen aus wie im Roman, die Persönlichkeiten der Personen wurden aber nur zum Teil mitgenommen. Mit Jane Eyre hat Kamla nämlich nur noch wenig gemeinsam, Kamla ist eher naiv und kindlich und außerdem wunderschön. Shankar ist etwas näher an Rochester,
so ganz passt es aber trotzdem nicht. Es hat mich auch ein wenig überrascht, wie negativ Shankar gezeigt wurde: die Offenheit mit der er mit Mohini flirtet und schäkert ist für Bollywood in den 50ern schon bemerkenswert, und vor allem wie er sich an Kamla ranschmeißt ist geradezu bedrohlich. Es gibt wohl nicht viele Bollywoodfilme, bei denen doch einige Zeit lang die Gefahr besteht, dass der Held die Heldin vergewaltigen wird…
Dilip Kumar spielt Shankar natürlich absolut überzeugend, diese Art Rollen konnte er auch schon 1952 im Schlaf spielen. Dilip ist halt Dilip, den mag man oder kann mit seinem “Tragedy King”-Getue eben nichts anfangen – ich mag ihn, und deswegen finde ich ihn auch hier gut. Vor allem seine Stimme ist umwerfend (gut, dass er auf dem Gebiet punkten kann, er hat ja Orson Welles als Konkurrenz und dem in Sachen Stimme nachzukommen ist schon eine Leistung…). Madhubala ist natürlich ebenfalls wunderbar, und dazu gibt´s gute Unterstützung von Leela Chitnis.
Sangdil brigt natürlich auch einige der Tücken von alten Bollywoodfilmen: Mittendrin scheint der Schluss einer Szene zu fehlen (noch dazu einer sehr schönen Szene, weshalb das sehr schade ist), und irgendwie wollen sich die Charaktere nicht so recht einig werden, ob die Heldin jetzt Kamla oder Kamal heißt. Aber solche Sachen ist man ja gewöhnt.
Für Liebhaber von Jane Eyre ist Sangdil eine ganz interessante Adaption mit einigen guten Momenten, wenn auch nicht durchwegs gelungen. Für Bollywoodfans generell ist Sangdil ein ganz netter
Film mit Traumpärchen Dilip Kumar und Madhubala, aber Bollywood in den 50ern hat viel Besseres zu bieten.
MUSIK
Die Songs von Sajjad sind ordentlich, aber nicht herausragend – sobald der Film vorbei ist, hat man sie alle eigentlich schon wieder vergessen. Sajjad scheint überhaupt kein besonders erfolgreicher Komponist gewesen zu sein, zu gerade mal 10 Filmen hat er die Songs geschrieben. In Sangdil haben wir nun die üblichen Liebesballaden und ein paar religiöse Lieder, zu denen Madhubala tanzen darf, was natürlich immer eine Freude ist. Am interessantesten ist das letzte Lied, “Kahan Ho Kahan”, ein dramatisches Klagelied von Shankar, dessen eigenwillige Klavierbegleitung irgendwie so gar nicht zum Gesang passen will – was wiederum einen ziemlich geschickten und passenden Effekt erzeugt.
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Tags: Bronte, Dilip Kumar, Jane Eyre, Literaturverfilmung, Madhubala

08. March 2009 um 13:17
Kann ich mit einer Kritik von Asoka rechnen?
08. March 2009 um 17:45
Eher nicht in nächster Zeit. Ich hab den Film zwar schon sehr, sehr früh in meiner Bollywoodzeit gesehen, aber ich bin nie dazu gekommen, eine Kritik zu schreiben. Jetzt müsst ich ihn nochmal ansehen, und dazu komm ich wohl momentan eher nicht…