Filmkritik: JANE EYRE (1944)
19. February 2009
Und weiter geht´s mit meiner kleinen Brontë-Reihe, jetzt mit Hollywood: eine mit Orson Welles und Joan Fontaine starbesetzte Adaption von Charlotte Brontës Jane Eyre, flotte 96 Minuten kurz und 1944 unter der Regie von Robert Stevenson entstanden.
Die DVD-Situation scheint bei diesem Film mal wieder nicht die beste zu sein, weshalb ich eine chinesische Import-DVD geschaut hab. Deren Cover sieht in etwa so aus wie das rechts (plus ein paar chinesische Schriftzeichen), und bietet ein ganz ordentliches Bild.
Regisseur: Robert Stevenson
Drehbuch: Aldous Huxley, John Houseman, Robert Stevenson (Vorlage: Charlotte Brontë)
Musik: Bernard Herrmann
Darsteller: Joan Fontaine, Orson Welles, Peggy Ann Garner, Margaret O´Brian, Hillary Brooke, Elizabeth Taylor, Edith Barrett, Henry Daniell
Erscheinungsdatum: 1944
STORY
Die kleine Waise Jane Eyre (Peggy Ann Garner) wird von ihrer Tante, bei der sie aufwächst, verachtet, und so ist es auch eine Erleichterung für sie, als sie in eine strenge Schule abgeschoben wird. Als erwachsene Frau (Joan Fontaine) sucht sie sich eine Stelle als Gouvernante. Diese findet sie auf Thornfield Hall bei dem verschlossenen Edward Rochester (Orson Welles), dessen Adoptivtochter Adele (Margaret O´Brian) sie unterrichten soll. Jane und Rochester entwickeln bald eine tiefe Freundschaft, doch Rochester plant nicht nur die schöne Blanche Ingram (Hillary Brooke) zu heiraten, sondern verbirgt auch noch eine Geheimnis aus seiner Vergangenheit. Zudem tun sich auf Thornfield Hall ungewöhnliche Dinge…
REVIEW
Hui, was da im Vorspann an illustren Namen auftaucht: Drehbuch von Aldous Huxley, Musik von Bernard Herrman, und auch wenn Orson Welles nur als Hauptdarsteller genannt wird, ist doch bekannt, dass er auch hinter der Kamera einen wichtigen Einfluss auf den Film hatte. Da kann ja
eigentlich nicht mehr viel schief gehen. Ein paar Fehltritte erlaubt sich der Film aber doch, während ein paar andere Dinge aus heutiger Sicht unglücklich wirken, die man wohl einfach den damaligen Filmkonventionen zuzuschreiben hat.
Die Handlung wird im Großen und Ganzen recht Romangetreu erzählt, doch stellenweise nimmt man sich doch einige Freiheiten oder kürzt ganz gewaltig. Überraschend ist wohl, dass die Kindheit von Jane recht ausführlich gezeigt wird, wo eine noch ganz junge Elizabeth Taylor als Helen guten Einfluss auf Jane ausüben darf. Dafür muss dann aber am Ende stark gekürzt werden: der ganze St.-John-Plot wird komplett gestrichen, an seine Stelle in der Handlung tritt die Sache mit der sterbenden Mrs. Reed. Das klingt äußert fragwürdig, funktioniert aber erstaunlich gut. Für Buchkenner wirkt der Schluss deswegen zwar schon ein wenig so, als ob man gemerkt hätte, dass die Laufzeit ausgeht, und man deswegen kräftig aufs Gaspedal drücken musste. Allerdings muss man dem Film zugestehen, dass man dieses Gefühl wohl nicht bekommt, wenn man die Geschichte noch nicht kennt – die Entwicklungen am Ende wirken eigentlich ganz natürlich und gar nicht allzu
gehetzt.
Mit geschicktem Spiel mit Licht und Schatten und mit großzügigem Nebeleinsatz wird versucht, dem Yorkshire-Schauplatz und vor allem der Schauerroman-Atmosphäre des Romans gerecht zu werden. Manchmal wirkt das ein wenig gar künstlich (die erste Begegnung von Jane und Rochester sieht durch die Nebelschwaden ein wenig so aus, als ob sie auf einer Wolke spielen würde), aber in den meisten Fällen ist die Bildgestaltung sehr geglückt und stimmungsvoll – was wir wohl nicht zuletzt Orson Welles zu verdanken haben.
Orson Welles ist neben Herumwerkeln hinter der Kamera natürlich auch ein fantastischer Rochester – seine Charakterisierung entspricht zwar vielleicht nicht immer der des Romans, aber jegliche Abweichungen macht er einfach mit charismatischen Orson-Welles-Eigenheiten wett. Beispielweise seine Stimme. Hach, die Stimme. Ich muss hier einfach einen kleinen Soundclip einfügen, in dem Rochester so richtig schön dahinwettert (leichte Spoiler):
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Und vor allem auch einfach seine wahnsinnige Präsenz: wann auch immer er auftritt dominiert er sofort jede Szene, zieht jeden in seinen Bann und reißt
so den ganzen Film an sich. Auf der einen Seite ist das sehr gut, denn sein Rochester ist der faszinierendste Charakter in diesem Film. Es hat aber natürlich auch seine Nachteile – denn sobald Orson Welles im Bild ist, verschwindet Joan Fontaine immer etwas neben seiner Präsenz. Und neben so einem dominanten Rochester wirkt Jane Eyre dann einfach nie so gleichgestellt, wie sie es eigentlich sollte.
Allerdings würde auch ein ebenbürtigerer Rochester diesem Problem nicht ganz abhelfen, denn Jane Eyre wäre so oder so etwas zu blass in diesem Film. Joan Fontaine spielt Jane als klassische Hollywood-Heldin dieser Zeit, so schön mit schmachtendem Aufschauen zum Geliebten und zittrigen Augenbrauen zum tragischen Blick. Das ist sicher nicht Fontaines Schuld, das waren halt einfach damalige Hollywoodkonventionen – doch es mag einfach nicht zu Jane Eyre passen.
Aus einem mir absolute unverständlichen Grund hat man sich entschieden, immer wieder “Jane Eyre”-Buchseiten einzublenden, die von Jane vorgelesen werden. Zum einen ist das absolut unnötig und reißt einen immer wieder schrecklich aus dem Film –
wozu muss man denn die Zuschauer immer wieder daran erinnern, dass sie hier eine Romanverfilmung sehen? Zum anderen ist es vor allem völliger Quatsch, weil die vorgelesenen Passagen zwar so tun, als ob es “Jane Eyre”-Stellen seien, aber tatsächlich ist das nicht mal im Entferntesten der Brontë-Text. Und was bringt es denn irgendwem, wenn man ständig durch Nacherzählungen aus der Handlung gerissen wird, die nicht mal dazu beitragen, Janes Innenleben wirklich auszuleuchten, sondern nur uninspirierte Versuche, Teile der Handlung zu verknüpfen.
Der Film ist sicher nicht perfekt, Buchpuristen werden bei den Kürzungen wohl zusammenzucken, doch wegen der gelungenen Inszenierung und vor allem wegen dem umwerfenden Orson Welles ist dies hier doch eine Empfehlenswerte Adaption des Romans. Und wenn in nächster Zeit hier im Blog ein paar mehr Orson-Welles-Filme auftauchen, braucht ihr euch auch nicht zu wundern…
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Tags: Bronte, Costume Drama, Jane Eyre, Joan Fontaine, Klassisches Hollywood, Literaturverfilmung, Orson Welles


19. February 2009 um 18:43
Ähem… Bist Du dazu übergegangen, keine Punkte mehr zu vergeben? Oder machst Du das nur bei Bollywood-Filmen?
19. February 2009 um 19:22
Ja, ich hab das zwar nie angekündigt, aber ich vergeb nun schon seit über einem Jahr keine Punktebewertungen mehr. Weil ich Punktebewertungen eigentlich nicht sonderlich mag – da schiebt man Filme und Serien immer gleich in Schubladen, wobei man sie eigentlich differenzierter sehen muss. Ich denke, da helfen meine Texte viel besser euch Leser zu entscheiden, ob das ein Film für euch wäre.
Außerdem bin ich mir sowieso viel zu oft unschlüssig, wie viele Punkte ich vergeben würde. Und die Einschätzung ändert sich auch mit der Zeit immer wieder – wenn ich meine Bollywoodlisten so ansehe, da gibts einige Filme die ich heute besser oder schlechter bewerten würde. Wobei ich meinen geschriebenen Texten immer noch zustimmen kann, weil die angesprochenen Sachen immer noch gelten – bloß meine Wertung ändert sich.
Also hab ich mich entschlossen, keine Punkte mehr zu vergeben – außer bei Bollywoodfilmen, die bekommen weiterhin Punkte. Einfach weil ich das bei denen jetzt schon so lange gemacht habe, und ich sie dann auch in meine Punkteliste einordnen kann.
04. March 2009 um 07:27
ist ja super, ich bin seit kurzem auch Romanfan
seit ich Stolz und vorurteil mit colin farrell sah – 257 Minuten auf deutsch, nicht 270 minuten und seit jane eyre aus 1996 und seit emma, sinn und sinnnlichkeit und eben jetzt diese alte Jane Eyre die so süss ist, muß ich sagen, jane austen und catherine Gaskell sind echt super zum Verfilmen. Was ist jetzt mit den besten Verfilmungen von austen Romane und Bronte, oder Gaskell Romanen everß
04. March 2009 um 09:51
Tuvok? DER Tuvok? Oder nur eine zufällige Namensgleichheit?
Es ist übrigens Colin Firth und Elizabeth Gaskell, und wenn du nur die gekürzte deutsche Fassung von Stolz und Vorurteil kennst, kann ich dir nur empfehlen, mal die 330 Minuten lange Originalfassung anzusehen.
Was die besten Austen-, Bronte- oder Gaskell-Verfilmung überhaupt sind, kann ich dir aber nicht sagen, weil ich noch lange nicht alle kenne. Ich würde mal die BBC Miniserien von Pride and Prejudice (1995), Jane Eyre (2006) und North and South (2004) nennen, aber es gibt daneben ja noch so viel mehr sehenswerte Filme, wie Sense and Sensibility von 1995 oder den Wuthering Heights Film von 1939…