Filmkritik: WUTHERING HEIGHTS (1939)
1. March 2009
Meine kleine Brontë-Reihe schreitet jetzt in die gefährlichen Gefilde der Wuthering-Heights-Verfilmungen vor. Diese 1939 von William Wyler gedrehte Adaption von Emily Brontës Roman ist die älteste noch erhaltene Verfilmung von Wuthering Heights, und sicher auch eine der berühmtesten. Starbesetzt mit Laurence Olivier, Merle Oberon und David Niven, mit einem Oscar ausgezeichnet und für sieben weitere nominiert – und vor allem ein wirklich guter Film.
Regisseur: William Wyler
Drehbuch: Charles MacArthur, Ben Hecht (Vorlage: Emily Brontë)
Musik: Alfred Newman
Darsteller: Laurence Olivier, Merle Oberon, David Niven, Flora Robson, Geraldine Fitzgerald, Donald Crisp, Hugh Williams
Erscheinungsdatum: 1939
STORY
Mr Earnshaw bringt von einer Reise ein Waisenkind mit nach Hause nach Wuthering Heights: Heathcliff. Earnshaws Tochter Catherine freundet sich schnell mit ihm an, doch sein Sohn Hindley kann ihn nicht ausstehen. Als sie älter werden, verbindet Heathcliff (Laurence Olivier) und Catherine (Merle Oberon) eine tiefe Liebe, doch Hindley (Hugh Williams) erniedrigt Heathcliff zu Dienerarbeiten. Catherine freundet sich derweil mit dem reichen und eleganten Edgar Linton (David Niven) an…
REVIEW
Ich hatte ehrlich gesagt nicht viel von dieser Verfilmung erwartet. Meine bisherigen Erfahrungen haben gezeigt, dass sich Wuthering Heights wohl nicht gut verfilmen lässt, und dann eine Hollywood-Version, die das halbe Buch ignoriert und wohl wegen Studiodruck auf ein Happy End getrimmt wurde? Kann doch nicht gut gehen. Dann kam die Kindheit der Protagonisten,
und ich war begeistert, wie gut die gelungen waren – und erwartete doch, dass es danach bergab gehen würde. Ging es aber nicht – der Film schafft es wirklich, dieses begeisternde Niveau fast bis zum Schluss zu halten. Insbesondere was die Darstellung von Cathy und Heathcliff angeht, kann diese Version so richtig punkten.
Diese Verfilmung ist natürlich auch nicht perfekt. Das fängt schon mit dem offensichtlichen an: Der Film lässt die zweite Hälfte des Romans völlig aus. Allerdings muss man ja zugeben, dass das bei diesem Roman tatsächlich funktioniert, und es hat ja auch etwas gutes, dass nur der erste Teil des Romans verfilmt wurde: Hätte man sonst die gesamte Story gestaucht in die Spielfilmlaufzeit quetschen müssen, kann man sich so für die erste Hälfte des Romans richtig Zeit nehmen. Da nimmt man sich zwar auch die ein oder andere Freiheit, doch eigentlich bleibt das Drehbuch dem Roman recht treu, und verwendet auch viele Originaldialoge.
Auch ein paar andere Kleinigkeiten sind nicht ganz geglückt: Da der Film in Kalifornien gedreht wurde, hat er natürlich nicht die eindrucksvollen Naturaufnahmen, die ein Wuthering-Heights-Film eigentlich schon bräuchte. Und dann ist da noch die Musik. Es ist ja eigentlich nicht fair, einem
Film Dinge negativ anzurechnen, für die er eigentlich nichts kann weil er sie seiner Entstehungszeit zu verdanken hat. Trotzdem: der Soundtrack mit schwelgenden Geigenklängen versucht angestrengt, den Film in Richtung “klassische Hollywood-Romanze” zu schieben, und mag halt so rein gar nicht zur eigentlichen Stimmung der Geschichte passen. Der Soundtrack wurde Oscar-nominiert, damals kam dieser Stil also durchaus gut an – heute wirkt es einfach unangenehm antiquiert.
Aber das sind alles Dinge, die für mich neben den Stärken des Films verblassen. Das ist die erste Wuthering-Heights-Verfilmung die ich gesehen habe, bei der ich das Gefühl hatte, dass die Cathy-Heathcliff-Beziehung wirklich stimmt. Dieser Film bekommt die Charakterisierungen seiner beiden Hauptcharaktere wirklich hin, und bringt vor allem die Liebe und Seelenverwandtschaft der beiden so kraftvoll auf die Leinwand wie keiner der anderen Filme die ich kenne.
Cathy darf fast alle ihre Facetten aus dem Buch behalten – sie ist wild und ungestüm, sehnt doch ein elegantes, “besseres” Leben herbei, darf grausam zu Heathcliff und Linton sein, darf trotzdem beide ehrlich lieben und wirkt trotz ihrer Gegensätze nie widersprüchlich. In der
zweiten Hälfte des Films weicht die Charakterisierung dann stärker von der Vorlage ab, funktioniert aber immer noch recht gut. Merle Oberon spielt auch abgesehen von dem ein oder anderen überdramatischen Moment ziemlich gut.
Und auch Heathcliff ist gut getroffen und wird von Laurence Olivier toll gespielt. Olivier ist zwar auch manchmal nahe dran, etwas zu sympathisch zu wirken, doch meist liegt das einfach nur daran, dass er Heathcliffs ganze finsteren Emotionen recht zurückhaltend präsentiert – da brodelt es eher im Inneren, als dass er es durch Gesten zum Ausdruck bringt und generell sehen wir so mehr Schmerz als Hass. Ich vermute zwar, dass der Film sicher in die “zu sympathischer Heathcliff”-Falle getappt wäre, wenn auch die zweite Hälfte des Romans verfilmt worden wäre – aber das wurde sie ja nicht, also machen wir uns da mal keine Gedanken.
Wie schon gesagt stimmt vor allem auch die Chemie zwischen den beiden – in anderen Verfilmungen des Romans glaubt man die Beziehung der beiden halt, weil sie sie uns erklären; dieser Film ist der erste den ich sehe, in dem man die Liebe der beiden auch wirklich spürt.
Auch die anderen Darsteller überzeugen. David Niven ist solide, hat aber wenig zu tun,
dafür darf aber seine Filmschwester Geraldine Fitzgerald mit einer sympathischen und zu Herzen gehenden Performance beeindrucken. Und die Kinderdarsteller von Cathy und vor allem Heathcliff sind auch ziemlich klasse.
Diese Verfilmung ist jetzt wohl meine liebste Wuthering-Heights-Verfilmung. Mit offiziellem Titel “Beste Verfilmung der ersten Hälfte des Romans” oder so – aber hey, das, was verfilmt wird, wird ja wirklich gut verfilmt. Schade, dass es damals noch keinen solchen Fortsetzungswahn gab wie heute, sonst hätten wir ein paar Jahre später sicher noch “Heathcliff Returns: The Forgotten Years of Wuthering Heights” bekommen…
Also: Ein sehr sehenswerter Film, den sich alle Fans von Wuthering Heights unbedingt ansehen sollten – vorausgesetzt man stört sich nicht zu sehr daran, dass die Hälfte des Romans fehlt. Und Laurence Olivier wird diesem Blog in Zukunft sicherlich noch den ein oder anderen Besuch abstatten.
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Tags: Bronte, Costume Drama, Klassisches Hollywood, Laurence Olivier, Literaturverfilmung, Wuthering Heights

02. March 2009 um 10:05
Wie schön, dass du das ebenso siehst. Für mich ist diese Verfilmung gerade mit dem Paar Laurence Olivier und Merle Oberon unerreicht.
Hinzu kommt für mich die besondere Atmosphäre eines SW-Film. Manchmal frage ich mich, ob das auch dazu beiträgt, dass die Stimmungen und Gefühle noch besser rüberkommen, ohne die Leistungen der Schauspieler schmälern zu wollen.
Olivier mag ich eh sehr
Grüße Ursula
02. March 2009 um 10:55
Ja, Schwarz-Weiß-Filme haben schon eine besondere Atmosphäre – mir fällt das am meisten bei Bollywoodfilmen auf, bei denen die SW-Produktionen immer eine besondere Eleganz ausstrahlen, die spätere Farbfilme nur schwer erreichen.
Diesen Film würd ich aber jetzt gar nicht mal zu den “in SW einfach besser”-Filmen stellen, ich denke, der wäre in Farbe genauso gut – zumal ich die Kameraarbeit hier zwar hübsch, aber nicht so richtig beeindruckend fand. Der Jane-Eyre-Film, den ich vorletzte Woche besprochen hab, profitiert dagegen sehr von seinen SW-Bildern – diese Wuthering-Heights-Verfilmung hat mich aber wirklich mehr mit den Figurenzeichnungen und Schauspielleistungen überzeugt.
Ich glaub, ich fahr jetzt gleich noch mal in die Bibliothek, und schau, ob die Olivier-Filme da haben *g*
02. March 2009 um 13:08
Ich stimme Dir absolut zu: Das ist auch meine Lieblings-Wuthering-Heights-Verfilmung!
Und jajaja: Mehr von Laurence Olivier!
03. March 2009 um 09:16
Ich bin beruhigt, dass ihr da alle meine Meinung teilt – ich hatte irgendwie im Hinterkopf, dass diese Verfilmung bei vielen Fans nicht so gut ankommt. Könnte vielleicht auch einfach daran liegen, dass es eben nur die Hälfte der Geschichte ist, und die echten Puristen das wohl nicht billigen können…
Für mehr Laurence Olivier ist gesorgt: In der Bücherei hab ich Rebecca gefunden, und gestern hab ich gleich noch zwei andere Olivier-Filme (Hamlet und P&P) zusammen mit etwas Orson-Welles-Nachschub bestellt…
Was gibts eigentlich sonst noch an Olivier-Filmen, die man gesehen haben muss? Es kann ja gut sein, dass ich nach dem oben genannten Nachschub immer noch nicht genug hab *g*
03. March 2009 um 10:24
Ach, zum Laurence-Olivier-Schmachten ist Rebecca schon das Nonplusultra, finde ich. Aber Pride and Prejudice natürlich auch. Mr Darcy ist ja eigentlich immer toll. Schön ist auch Lady Hamilton, wo er Lord Nelson spielt. Und falls Du mehr Shakespeare willst, ist Oliviers Herny V ziemlich gut. Mein persönlicher Favorit ist allerdings Brideshead Revisited. Obwohl das gar nicht so viel mit Olivier zu tun hat. Aber das ist ‘ne andere Geschichte …
03. March 2009 um 11:41
Jaaa Maria – Henry V, Rebecca, Pride and Prejudice – Claudias Vorschläge kann ich nur unterstützen. Freue mich auf deine Filmkritiken.
Lord Nelson habe ich noch nicht gesehen …
Apropos Schmachten: Planst du auch neue Kritiken von Filmen, in dem der Mann oben rechts im Blog mitspielt ?
03. March 2009 um 12:47
Gut, dann notier ich mir mal zu meinen bisherigen Einkäufen noch Henry V und Lady Hamilton, mit Option auf Brideshead Revisited…
Ach, der Mann oben rechts… ich plane eigentlich eher, ein neues Header-Bild über den Blog zu stellen, denn es dreht sich ja jetzt schon eine Weile nicht mehr vorranging um Bollywood. Aber mein werter Bruder, der für mein Blogdesign zuständig ist, ist leider noch im Prüfungsstress.
Aber ganz vergessen ist Shahrukh natürlich nicht. Neue Kritiken seiner Filme gibts aber nur spärlich – bei den älteren Filmen gibt es kaum was, was ich noch sehen will, und bei den neueren Filmen muss ich darauf warten, bis die DVDs erscheinen, weil ich Kinomäßig hier auf dem Trockenen sitze. Aber irgendwann gibts da schon wieder was…