Filmkritik: HITCHCOCK COLLECTION

9. March 2009

hitchcock-coverEigentlich wollte ich ja nur Rebecca sehen. Meine Stadtbücherei hat Rebecca allerdings nur in einer Hitchcock Collection mit vier anderen schwarz-weiß-Hitchcock-Filmen – und diese Box kann man nur komplett ausleihen. Jetzt hatte ich die restlichen DVDs schon da, jetzt wurden die natürlich auch geschaut. Rebecca hab ich ja hier schon besprochen, es folgen hier also noch Kurzkritiken zu The 39 Steps mit Robert Donat und Madeleine Carroll, Spellbound mit Ingrid Bergman und Gregory Peck, Notorious mit Ingrid Bergman und Cary Grant und The Paradine Case mit Gregory Peck.

THE 39 STEPS (1935)

Richard Hannay (Robert Donat) hat eigentlich nur ganz harmlos eine Theateraufführung besucht, als sich ihm plötzlich die mysteriöse Anabella Smith (Lucie Mannheim) aufdrängt. Die erklärt ihm, dass sie eine Spionin ist und äußert wichtige Informationen für jemanden in Schottland hat. Als sie in seiner Wohnung ermordet wird, steht Hannay plötzlich unter Mordverdacht – und flüchtet nach Schottland, um dort die Kontaktperson von Smith zu treffen. Verfolgt von Polizei und feindlichen Spionen trifft er auf Pamela (Madeleine Carroll).

Der einzige Film in dieser Box, der noch aus Alfred Hitchcocks England-Zeit stammt, und wahrscheinlich auch der bekannteste aus dieser Zeit. Die erste von inzwischen vier Verfilmungen des gleichnamigen Romans von John Buchan bleibt die beliebteste. Die BFI listet ihn sogar als viertbesten britischen Film aller Zeiten – eine Ehre, die ich jetzt aber nicht so ganz nachvollziehen kann. Ohne Zweifel ist 39 Steps einhitchcock-39steps toller Film, aber so gut dann auch wieder nicht.

Als flotter, spannender, witziger und gut inszenierter Spionagefilm macht sich 39 Steps aber natürlich sehr gut. Das “Mann auf der Flucht vor praktisch der ganzen Welt”-Szenario gibt natürlich viel Spannung her, und die Romanze mit Pamela, die in der Vorlage nicht existiert, wirkt gar nicht zu sehr aufgesetzt, sondern bietet jede Menge humorvolle und unterhaltsame Szenen. Robert Donat spielt Hannay charmant und witzig, aber vielleicht ein wenig zu sorgenlos für einen Mann in seiner Situation. Auch Madeleine Carroll ist ziemlich knuffig, sie kommt zwar erst nach der Hälfte der Story wirklich in den Film, hinterlässt aber einen bleibenden Eindruck. Und das nicht nur durch die unmöglichen Klamotten, die sie hier tragen muss, aber gut, das war eben vor der Zeit, in der Hitchcock mit Edith Head zusammengearbeitet hat und mit ihr Modetrends setzte…

Obwohl vielleicht nicht gerade der viertbeste britische Film aller Zeiten, ist The 39 Steps trotzdem äußerst unterhaltsam, gut gemacht und somit sehr empfehlenswert. Und ich bin jetzt mal gespannt auf die neueste Verfilmung des Romans der BBC, mit Rupert Penry Jones…

SPELLBOUND (1945)

Die verschlossene Psychologin Constance Petersen (Ingrid Bergman) bekommt einen neuen Vorgesetzten, Dr Anthony Edwardes (Gregory Peck). Die beiden verlieben sich – doch bald wird klar, dass Dr Edwardes selbst ein dunkles Geheimnis verbirgt, das Constance mit psychologischen Mitteln zu lüften versucht…

Nach Rebecca der zweite Film, den Hitchcock für David O. Selznick gedreht hat, dieses Mal eine Adaption des Roman The House of Doctor Edwardes. Die Darstellung von Psychoanalyse ist natürlich den filmischen Zwecken angepasst und entspricht nicht unbedingt der Realität – aber das erwartet man ja eh nicht. Als Mittel um Spannung zu fördern und das langsame Aufdecken der Wahrheit zu ermöglichen, funktioniert das bestens, und darauf kommt es ja an. Letztlich ist der Film ja wie The 39 Steps ein Film über einen Mann auf der Flucht, der ein Geheimnis aufdecken muss – und hier wie dort gelingt es Hitchcock bestens, das in eine flotte und unterhaltsame Story umzusetzen.

Der Spannung hilft auch enorm, dass man mit den Hauptfiguren so sehr hitchcock-spellboundmitfühlt. Bergmans Constance ist eine sehr sympathische Heldin, während man Pecks Charakter auch sehr schnell ins Herz schließt, und gerade deswegen so sehr um ihn bangt, weil von ihm immer eine gewisse Gefahr ausgeht, die ihm sogar selbst unbewusst ist. Beide spielen auch sehr gut, wobei ich natürlich als Gregory-Peck-Fangirl da nicht gerade objektiv urteilen kann. Schon gar nicht, wenn er noch so jung ist (Spellbound war erst sein vierter Film)…

Sehr großartig ist auch die Traumsequenz, für die man sich Salvador Dalà­ ins Boot geholt hat. So sind die natürlich fantastisch surrealistisch geworden, überzeugend traumhaftig und ein wirkliches Highlight des Films. Hitchcock hat da anscheinen eine viel längere Sequenz gedreht als die, die jetzt im Film ist – schrecklich schade, dass die heute verloren ist. Abgesehen von dieser Traumsequenz ist auch die restliche Inszenierung von Hitchcock wie üblich sehr toll. Besonders angetan hat es mir die Szene, in der Peck nachs mit einem Rasiermesser durchs Haus wandelt, die ist nervenzerreißend spannend gedreht…

Also: spannender Thriller eingebettet in ganz unterhaltsame Pseudo-Psychoanalyse, mit tollen Schauspielern, klasse Inszenierung und Oscar-prämierter Musik. Ein sehr sehenswerter Film – und für Gregory-Peck-Fans ein absolutes Muss.

NOTORIOUS (1946)

Alicia Huberman (Ingrid Bergman), Tochter eines Nazi-Spions, wird von Devlin (Cary Grant) als Spion für die USA rekrutiert und beide reisen nach Brasilien. Gerade, als sich Alicia und Devlin verliebt haben, bekommt Alicia ihren Auftrag: Sie soll ihren alten Verehrer und Nazi Alex Sebastian (Claude Rains) treffen und ihm Informationen entlocken. Devlin ist aber so gar nicht glücklich darüber, dass sich Alicia an Alex heranmacht…

Der größte Reiz des Films ist die Dreiecksbeziehung zwischen Devlin, Alicia und Alex, die wird sehr schön aufgebaut und von den drei Schauspielern aus mit so einiger Spannung gespielt. Aber manchmal wünscht man sich, dass Cary Grant etwas mehr von seiner Zuneigung zu Alicia zeigen würde. Da hat man eine der berühmtesten Kussszenen (die fast drei Minuten dauert, obwohl die damaligen Hollywood-Vorschriften nur drei Sekunden erlaubten), und Grant sieht die meiste Zeit aus, als ob er sich nichtmal anstrengen würde und nur das Gesicht hinhält um sich von Bergman küssen zu lassen. Das mag teilweise zum Charakter gehören, ein bisschen mehr Emotionen darf ein frisch Verliebter aber doch zeigen.hitchcock-notorious
Die Verschlossenheit von Grant macht Bergmans Alicia wieder wett: Alicia ist eine wunderbare, interessante Figur, auf die das “notorious” des Titels absolut zutrifft, die aber doch jederzeit die Sympathien der Zuschauer gesichert hat. Solchen Heldinnen folgt man gern durch den Film. Claude Rains komplettiert das Trio mit einer sehr guten Darstellung, mit der er sich sicher nicht hinter den großen Stars verstecken muss, sondern sie eher an die Wand spielt.

Auch die eigentliche Spionagehandlung sorgt für gute Spannung, das ganze ist wie gewohnt toll inszeniert, und schön flott und kurzweilig – definitiv ein Film, den man absolut empfehlen kann.

Ich hab hier mal kurz in die Synchro reingehört, weil es eine alte deutsche Synchrofassung gibt, in der aus den Nazis Drogenschmugglern werden, und ich sehen wollte, ob die auf der DVD drauf ist. Ist sie nicht – und meine Güte, ist die Synchro, die drauf ist, schlecht! Ich will gar nicht wissen, ob die bei den anderen Filmen in dieser Box auch so mies ist…

THE PARADINE CASE (1947)

Der erfolgreiche Anwalt Anthony Keane (Gregory Peck) soll Mrs Paradine (Alida Valli) verteidigen, die angeklagt ist, ihren blinden Mann vergiftet zu haben. Keane verliebt sich in seine mysteriöse und attraktive Klientin, doch seine Frau Gay (Ann Todd) will den Glauben an ihren Mann nicht verlieren.

Man kann Hitchcock ja nicht immer großartig finden: The Paradine Case fällt ziemlich hinter den anderen Filmen in dieser Sammelbox ab. Wobei die Schuld daran vielleicht nicht unbedingt Hitchcock trägt: Der hatte nämlich eine fast dreistündige Version abgeliefert, die dann von Produzent Selznick auf 132 und später auf 114 Minuten zusammengekürzt wurde, außerdem hat Selznick einige von Hitchcocks Szenen selbst noch mal nachgedreht. Nachdem heute nur noch die 114-Minuten-Version existiert, kann man nicht sagen, ob Hitchcocks Film besser gewesen wäre – die Fassung hier hat jedenfalls so einige Schwächen.

The Paradine Case schafft es zum einen nicht, dass dem Zuschauer die Charaktere hitchcock-paradinenäher gebracht werden. Ihre Motivationen werden nicht groß ausgeleuchtet und ihr Schicksal liegt einem nicht besonders am Herzen. Einzige Ausnahme hier ist Ann Todd als Gay Keane, die ihre interessante Figur eindringlich spielt, so dass man wenigstens hier mitfiebert. Aber die restlichen Charaktere lassen einen ziemlich kalt – und damit verliert man auch das Interesse an der Story. Gegen Ende reißt sich der Film da wieder etwas hoch, denn Gregory Peck macht sich sehr ordentlich im Gerichtssaal und so kommt endlich etwas mehr von dem Gefühlskonflikt durch, den Keane durchlebt, doch eigentlich ist das schon zu spät.

Das ist gerade deswegen ziemlich schade, weil die Geschichte ja eigentlich wirklich Potential hat: Ein Anwalt, der sich in seine dem Mord angeklagte Klientin verliebt, seine Objektivität bei der Arbeit verliert, und dessen Frau weiter um ihren Mann kämpft. Das hat was, aber es wird nicht viel daraus gemacht. Am besten sind noch die Szenen zwischen Keane und seiner Frau, gerade weil seine Frau nicht besonders typisch auf ihren untreuen Gatten reagiert, doch auch hier wäre mehr drin gewesen. Bleibt also ein halbwegs solider Gerichtsfilm, den man wohl nur als Hitchcock-Komplettist gesehen haben muss. Immerhin kann man Gregory Peck anschmachten, das ist ja auch was wert.

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