Filmkritik: HAMLET (1948)

13. March 2009

hamlet48-coverIch hoffe, ihr habt noch nicht alle die Schnauze voll von alten Schwarz-Weiß-Schinken, mein Olivier-Nachschub ist nämlich eingetroffen *g*. Passend zu meiner Hamlet-Hausarbeit, mit der ich mich eigentlich momentan beschäftigen sollte, gab´s gleich mal Oliviers berühmte Hamlet-Verfilmung von 1948, die bei den Oscars Geschichte geschrieben hat: erste britische Produktion, die “Best Film” bekommen hat, einzige Shakespeare-Adaption, die das bisher geschafft hat, das erste Mal, dass sich ein Schauspieler unter eigener Regie einen Best Actor Oscar erspielt hat.
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Regisseur: Laurence Olivier
Drehbuch: Laurence Olivier (Vorlage: William Shakespeare)
Musik: William Walton
Darsteller: Laurence Olivier, Basil Sydney, Eileen Herlie, Jean Simmons, Felix Aylmer, Terence Morgan, Norman Wooland
Erscheinungsdatum: 1948

STORY
Muss man die Geschichte von Hamlet vorstellen? Was solls: Kurz nachdem der alte König Hamlet gestorben ist, heiratet dessen Bruder und neuer König Claudius (Basil Sydney) die Witwe des alten Königs, Gertrude (Eileen Herlie). Ihr Sohn Hamlet (Laurence Olivier) ist wenig begeistert davon – erst recht nicht, als ihm der Geist seines toten Vaters offenbart, dass Claudius ihn ermordet hat! Hamlet soll ihn rächen, hadert aber ziemlich mit dieser schweren Bürde.

REVIEW
Gleich mal vorweg: Ich liebe Hamlet. Eine objektive Beurteilung könnt ihr also von mir vergessen, meine Hamlet-Liebe äußert sich nämlich eher nicht in Skeptik und überhöhten Ansprüchen, sondern überträgt sich schnell auf alles was mit Hamlet zu tun hat, hamlet48-tobewenn es nur anständig gemacht wurde. Im Zuge meines Hamlet-Seminars und vor allem aus eigenem Interesse hab ich jetzt schon einige Hamlet-Verfilmungen gesehen, und hab noch an allen von ihnen Dinge gefunden, die mir sehr gefallen. Laurence Oliviers Hamlet reiht sich da ein – sie hat ihre Schwächen, doch der positive Eindruck überwiegt deutlich.

Diese Hamlet-Verfilmung macht einige Sachen, die ich eigentlich gar nicht mag. Olivier eliminiert die ganze politische Ebene des Stücks (bspw fällt der ganze Fortinbras-Plot weg), er streicht Rosencrantz und Guildenstern und damit auch viele witzige Szenen, und er betont die Möglichkeit einer freudschen Lesung mit à–dipus-Komplex. Gerade die ersten beiden Punkte finde ich sehr schade, vor allem, weil ich nicht die Notwendigkeit dafür sehe – man hätte das schon noch unterbringen können. Überhaupt macht Olivier manchmal seltsame Kürzungen im Text – ist es wirklich sinnvoll, den ganzen “Oh what a rogue and peasant slave am I”-Soliloquy auf die letzten beiden Zeilen zu reduzieren? Und den gesamten “How all occasions do inform against me”-Soliloquy komplett zu streichen? Ohen Rosencrantz und Guildenstern gibts natürlich auch kein “what a piece of work is a man”. Hmja.
hamlet48-hamlethoratioDer letzte Punkt ist halt Geschmackssache. Dass dieser Hamlet eine ödipale Beziehung zwischen Hamlet und Gertrude präsentiert, ist ja recht bekannt und offensichtlich: Nicht nur, dass hier eine 28-jährige Schauspielerin die Mutter eines 41-Jährigen spielt, natürlich hängen sich die beiden auch ständig knutschend in den Armen. Gleich die erste Szene der beiden ist hier sehr bezeichnend – Gertrude küsst Hamlet ausgiebig, während Claudius sie mit angewiderten Blick beobachtet und schließlich mit einem genervten “Madam come” zu sich ruft. Nachdem Hamlet eine bessere Chemie mit seiner Mutter als mit Ophelia hat, musste man für die irgendwas anderes suchen, also lässt man Ophelia ständig an ihrem Bruder herumfummeln. Something is rotten in the state of Denmark, indeed. Ich kann mit so einer Lesung des Stücks nicht viel anfangen, allerdings ist das im Film hier in einer Weise präsentiert, die hamlet-inzestkleinweniger für à„rger, als für Belustigung sorgt. Weil´s so schön ist, hab ich mal eine kleine Inzest-Galerie gebastelt, bitte auf das Bild klicken:

Aber neben solchen Problemen hat der Film auch sehr viel Positives zu bieten. Zum Beispiel auf der optischen Ebene: Das Elsinore-Set ist ganz, ganz großartig, eine faszinierende Mischung aus realistischer Burg und atmosphärisch-beklemmenden Labyrinth. Olivier zieht vollen Nutzen aus dieser stimmungsvollen Kulisse, und erweckt sie mit Kamerafahrten durch Gänge und Treppen hinauf zum Leben.
Die Kamerafahrten sind überhaupt ein großer Pluspunkt des Films, es gibt viele sehr lange Szenen, die durch die dynamische Kameraarbeit einen bemerkenswerten Sog entwickeln – die Schauspieler werden umkreist, Bewegungen wird gefolgt, Gesichter herangezoomt. Dabei entstehen immer wieder faszinierende Bildkompositionen, die einen in ihren Bann ziehen. Olivier hamlet48-opheliawar anscheinend schwer beeindruckt von den Neuerungen in der Kameratechnik, die Orson Welles mit Citizen Kane gebracht hat. Er arbeitet recht viel mit deep focus, also einer Einstellung in der alle Ebenen des Bildes scharf sind, und was ich ziemlich schick finde.

Natürlich ist auch Laurence Olivier als Hamlet ganz große Klasse. Seine Leistung allein würd schon den gesamten Film problemlos tragen und sehenswert machen. In Mimik und Gestik ist er zwar ein paar Mal einen Tick zu theatralisch, doch dafür brilliert er mit seinen Dialogen. [Demnächst muss dann auch mal ein Olivier-Picspam sein, dort wird dann auch seinen schicken in Strumpfhosen gekleideten Beinen Tribut gezollt]
Damit auch jeder merkt, dass Olivier toll ist, hat man praktischerweise gleich ein paar eher miese Schauspieler zum Vergleich gecastet – zumindest am Anfang ist Terence Morgan als Laertes schrecklich hölzern. Der Rest ist dafür aber wieder recht gut, vor allem Jean Simmons als Ophelia fällt noch sehr positiv auf.

Daneben hat der Film übrigens auch noch einige interessant besetzte Nebenrollen: Peter Cushing als Osric macht mit seinem unglaublich komischen Auftritt den früher weggekürzten Humor wieder wett – hamlet48-playwithinwobei wohl viel des Witzes seiner Szenen daher rührt, weil man sich hier immer Grand Moff Tarkin oder Van Helsing vorstellt, wie sie in Strumpfhosen mit einem Federhut herumwedeln… Neben dem späteren Kino-Doctor Cushing haben wir aber auch einen echten Doctor-Who-Doctor dabei: Patrick Troughton! Der spielt den König im play within the play – im Kostüm eigentlich nicht zu erkenne, trotzdem Yay. Von mir noch nicht entdeckt, aber offenbar auch dabei ist Christopher Lee als Lanzenträger. Was für eine Ansammlung an Kultschauspielern.

Kommen wir zu einem Fazit: So manche Kürzungen die Olivier hier vornimmt sind eher unglücklich oder zumindest fragwürdig, die à–dipus-Sache ist eher unfreiwillig lustig, und die 155 Minuten erfordern etwas Geduld. Aber der Film macht das mit einem grandiosen Set, faszinierender Kameraarbeit, bemerkenswerter Inszenierung und nicht zuletzt durch klasse Schauspielleistungen wieder wett. Für Hamlet- und/oder Olivier-Fans sehr empfehlenswert.

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3 Antworten zu “Filmkritik: HAMLET (1948)”

  1. Monika sagt:

    Freue mich sehr, dass du nun auch Laurence-Olivier Filme in deine Reviews aufgenommen hast. Für mich DER klassische Schauspieler des 20. Jahrhunderts: intelligent und charmant mit einer unglaublich charismatischen Leinwandpräsenz (eine Mischung, die man heute vor allem bei Shah Rukh Khan in Indien wiederfindet, obgleich dieser deutlich weniger experimentierfreudig ist und leider weniger Facetten zeigt).
    Danke auch für deine Rebecca und Wuthering-Heights Reviews. Kann dir hier noch “Henry V” empfehlen, “Pride & Prejudice”, natürlich “Richard III” und viel später “Sleuth”. Brilliant.

  2. Anonymous sagt:

    Dass Rosencrantz und Guildenstern in dieser Hamlet-Verfilmung weggefallen sind, ist ein Jammer!
    So gerne ich SLO mag, markant und fast unvergessen in allem, was er je gespielt hat, so muss ich leider sagen, dass er in “Pride & Prejudice” leider den am wenigsten charakteristischsten Darcy abgeliefert hat. Schade.

    Es gibt übrigens im noch jungen 21. Jahrhundert sehr wohl Schauspieler, die ähnlich charismatisch, präsent und facettenreich sind und sich zu hervorragenden Charakterdarstellern entwickeln.

  3. Maria sagt:

    Ja, dass Rosencrantz und Guildenstern wegfallen ist wirklich sehr schade – schon allein wenn man sich nur vorstellt, wie toll Olivier diese Szenen gespielt hätte! Ich mag Hamlet ja gerade auch wegen seinem Witz…

    Auf Oliviers andere Shakespeare-Filme bin ich auch schon gespannt, die werd ich mir wohl bald zulegen. Ich muss nur ein wenig aufpassen, dass ich die nächsten Wochen nicht nur schwarz-weiß-Filme schau, um die Nicht-Olivier-Fans die hier mitlesen nicht komplett zu langweilen *g*

    Pride and Prejudice hab ich gestern geschaut, die Kritik gibt’s demnächst. Ich finde, Olivier spielt darin ziemich gut – er spielt halt nur nicht Darcy, sondern irgendeinen charmanten, netten Typ, der zufällig auch Darcy heißt. ;-)

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