Filmkritik: PRIDE AND PREJUDICE (1940)
16. March 2009
Stolz und Vorurteil ist sicherlich Jane Austens bekanntester Roman, es wundert also nicht, dass es davon nicht nur am meisten Verfilmungen gibt, sondern dass es auch als Vorlage für den ersten Austen-Kinofilm diente. Nachdem ich hier schon zwei aktuellere Adaptionen von Pride and Prejudice besprochen habe, gibt’s jetzt diesen Film mit Greer Garson und Laurence Olivier mit Drehbuch von Aldous Huxley. Über mangelnden Witz braucht man sich hier sicher nicht beschweren – über mangelnde Buchnähe allerdings schon.
Regisseur: Robert Z. Leonard
Drehbuch: Aldous Huxley (Vorlage: Jane Austen)
Musik: Herbert Stothart
Darsteller: Greer Garson, Laurence Olivier, Mary Boland, Melville Cooper, Maureen O´Sullivan, Bruce Lester, Edna May Oliver
Erscheinungsdatum: 1940
STORY
Der reiche Mr Bingley (Bruce Lester) hat gerade ein Anwesen in der Nachbarschaft der Familie Bennet gemietet, was Mrs Bennet (Mary Boland) in heillose Aufregung versetzt: schließlich ist das die Gelegenheit eine ihrer fünf Töchter Jane, Elizabeth, Mary, Kitty und Lydia gut zu verheiraten. Mr Bingley findet auch tatsächlich schnell Gefallen an der schönen Jane (Maureen O´Sullivan), doch sein Freund Mr Darcy (Laurence Olivier) ist wenig beeindruckt vom unmöglichen Verhalten der restlichen Bennet-Familie. Dabei verliebt er sich selbst in Elizabeth (Greer Garson) – die ihn allerdings schnell als stolzen, arroganten Schnösel abgeschrieben hat…
REVIEW
Wenn eine Verfilmung von Pride and Prejudice mit der Tagline “The Gayest Comedy Hit of the Screen! Five Gorgeous Beauties on a Mad-Cap Manhunt!” wirbt, kann man sich darauf einstellen, dass es wohl nicht die getreueste Adaption wird, und dass man diverse Albernheiten erwarten
darf. Der Film enttäuscht nicht: Es sind noch keine 10 Minuten vergangen, und man hat schon nicht nur die lächerlichsten Bonnets der Modegeschichte auf die Köpfe der Heldinnen gepflanzt, sondern auch ein Pferdekutschenrennen zwischen Mrs Bennet und Lady Lucas veranstaltet.
Die erste Hälfte des Romans wird halbwegs getreu erzählt, da bleibt die grobe Handlung eigentlich gut erhalten. Allerdings ist der Film schon bei gut 80 Minuten wenn man die Hälfte des Romans erreicht hat – man kann sich also schon mal drauf einstellen, dass die zweite Hälfte wohl deutlich gekürzt werden musste. Und ja, da geht dann wirklich alles drunter und drüber, logische Storyentwicklung wird über Bord geworfen und alles vermischt, bis man am Schluss irgendwie alle Bennet-Schwestern mit Ehemännern versorgt hat. Die letzte halbe Stunde ist wirklich völlig verwirrt, da muss man halt einfach das Hirn abschalten. Ich schätze Aldous Huxley,
der hier das Drehbuch geschrieben hat, ja wirklich sehr, und vier Jahre später hat er das Zusammenstauchen einer zweiten Romanhälfte bei Jane Eyre auch gut hinbekommen, aber hier geht das doch ziemlich schief.
Was auch so gar nicht passt, ist die Mode die im Film getragen wird, wobei sich daran wohl nur Leute stören, die sich näher mit Mode beschäftigen. Austens Romane spielen ja eigentlich in der Regency-Zeit, modisch bedeutet das Empire-Linie und schmal fallende, eher einfache Kleider. Bei diesem Film hat nun offenbar der Kostümdesigner beantragt, die Handlung ein paar Jahrzehnte später anzusiedeln – und so haben wir jetzt die Bennets in Korsetts, Reifrock, Schleifchen und pompösen Pluderärmeln und der schon erwähnten absurden Hutmode, die wohl nie jemand irgendwann getragen hat.
Abgesehen von den à„nderungen und der chaotischen letzten halben Stunde ist der Film aber ganz unterhaltsam. Sehr viel Witz, etwas nette Romantik, ein flottes Tempo und ganz ordentliche Schauspieler. In den Nebenrollen überzeugen vor allem Melville Cooper als Mr Collins und Edna May Oliver als Lady Catherine, recht blass bleiben aber leider Mr Bingly und Wickham, deren Szenen sowieso auf das nötigste reduziert wurde. Und auch die Hauptcharaktere machen den Film sehenwert: Greer Garson wirkt etwas zu sehr wie eine Hollywood-Diva um als gute Lizzy durchzugehen, doch sie passt schon in diesen Film und spielt gut, während Laurence Olivier, mein Hauptgrund diesen Film zu sehen, natürlich auch nicht enttäuscht. Oliviers ist wunderbar und schnuffig und charismatisch – und hat so gut wie gar nichts mit Darcy zu tun. Er ist viel zu nett, zugänglich, charmant, offen und hilfsbereit, von Austens Darcy ist tatsächlich nicht mehr viel übrig. Dafür Olivier die Schuld zu geben, ist wohl unfair – Darcy wurde hier einfach so geschrieben. Das ist nicht nur der Vorlage ungetreu, das erzeugt auch handlungstechnisch
einige Probleme, weil die Story einfach mit einem netten Darcy etwas seltsam wirkt. Aber nachdem bei diesem Film sowieso schon irgendwie alles egal ist, kann man darüber hinwegsehen und sich über einen schnuffigen Olivier freuen.
Als Literaturverfilmung ist diese Pride and Prejudice-Version eine mittlere Katastrophe, einfach nur als Film für sich genommen aber ziemlich unterhaltsam, und als Olivier-Schmacht-Vehikel durchaus empfehlenswert. Wenn man da also mit den richtigen Erwartungen rangeht, dann kann man wirklich seinen Spaß haben – wer eine anständige Verfilmung von Pride and Prejudice sehen will, sollte sich aber doch an die BBC-Miniserie halten.
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Tags: Costume Drama, Greer Garson, Jane Austen, Klassisches Hollywood, Laurence Olivier, Literaturverfilmung


17. March 2009 um 10:49
Aber nett ist der Film, wenn man das Buch mal zur Seite legt!
17. March 2009 um 14:47
Ja, du hast mir den Film ja schon vor einem Jahr empfohlen *g*
Die Änderungen wären nur viel leichter zu verschmerzen, wenn sie nicht Probleme für die Handlung aufwerfen würden. Wie eben der viel zu nette Darcy – nachdem der so fürchterlich knuffig ist, macht es eigentlich überhaupt keinen Sinn, warum Lizzy ihn so schroff abweist. Und die letzte halbe Stunde ist ja leider nicht nur anders als im Buch (damit könnte ich ja leben), aber eben auch so völlig unlogisch und wirr…