Filmkritik: THE THIRD MAN

21. March 2009

thirdman-coverBei meiner Kritik von The 39 Steps hab ich gemeint, dass er zwar gut sei, aber seinen Platz 4 der besten britischen Filme auf der BFI-Liste nicht unbedingt verdient hat. Auf Platz 1 eben dieser Liste steht The Third Man (Der dritte Mann) – und hier will ich nicht meckern, dieser Film darf das. Ein großartiger Film Noir von Carol Reed nach Graham Greene mit Joseph Cotten, Alida Valli und Orson Welles – und dem faszinierend gefilmten Nachkriegswien. Wenn Bildungslücken schließen halt nur immer so toll wäre…

Regisseur: Carol Reed
Drehbuch: Graham Greene
Musik: Anton Karas
Darsteller: Joseph Cotten, Ailda Valli, Trevor Howard, Orson Welles, Bernard Lee, Paul Hörbiger, Ernst Deutsch, Siegfried Breuer, Erich Ponto
Erscheinungsdatum: 1949

STORY
Der Western-Autor Holly Martins (Joseph Cotten) kommt nach Wien um seinen Freund Harry Lime zu besuchen – nur um herauszufinden, dass dieser gerade bei einem Unfall gestorben ist, und noch dazu von dem britischen Polizist Calloway (Trevor Howard) des Schwarzmarkthandels verdächtig wird. Um seinen Freund von diesem Verdacht freizuwaschen, trifft sich Martins mit Harrys Freunden (Ernst Deutsch, Siegfried Breuer) und seiner Geliebten Anna (Alida Valli) – und er beginnt zu vermuten, dass der Unfall doch kein Unfall war…

REVIEW
The Third Man gehört zu den Filmen bei denen man am Schluss ganz verliebt in das ist, was man gerade gesehen hat – und sich immer noch ein Stückchen weiter verliebt, je öfter man sich Szenen daraus ansieht. Hier passt einfach alles zusammen.
Den Grundstein bildet Graham Greenes intelligentes, überraschendes und spannendes Drehbuch, das alles Mögliche bietet: Witz, eine Krimihandlung, eine kleine Romanze, Mystery, Spannung, Drama – und doch alles irgendwie anders macht als man denkt. Düster undthirdman-sewer zynisch, und doch gleichzeitig humorvoll und unterhaltsam. Aus dem Drehbuch hätte man aber sicher auch langweiliges Mittelmaß drehen können, was The Third Man so besonders macht ist seine Inszenierung.

Da wäre die großartige Kameraarbeit, für die Robert Krasker auch verdient einen Oscar bekommen hat. Das geniale Spiel mit Licht und Schatten, faszinierende Bildkompositionen – und ungewöhnliche, aber wirkungsvolle Kameraperspektiven. Die Kamera filmt bemerkenswert oft schief – wir haben in meinem Filmseminar The Third Man als Anschauungsmaterial für Dutch Angles verwendet, und einen besseren Film dafür gibt es wohl nicht. Schiefe Kameraeinstellungen können unter unfähigen Regisseuren sehr schnell schrecklich nervig werden, aber nicht so bei Carol Reed – der verwendet dieses Stilmittel zwar oft, aber immer überlegt und trägt damit äußerst effektiv zur Atmosphäre bei. Typisches Beispiel einer toll gefilmten Szene in Third Man.

thirdman-annahollyAuch die Schauspieler tragen ihren Teil bei: Joseph Cotten, mit Orson Welles seit Mercury-Theatre-Zeiten befreundet und unter anderem in Citizen Kane zu sehen, führt uns souverän und sympathisch durch den Film. Sein Held ist nie so heldenhaft wie er eigentlich denkt, aber gerade deswegen ist er ein wunderbarer Begleiter mit dessen naiver Sicht wir langsam in die düsteren Abgründe des Nachkriegswiens hinabsteigen. Alida Valli, die ich gerade in The Paradine Case gesehen hab wo sie mich nur mäßig beeindruck hat, liefert hier eine tolle Leistung in einer sehr schön geschriebenen Rolle ab.

Orson Welles kommt erst sehr spät in den Film, zieht die Zuschauer aber von seiner genialen Einführungsszene an in seinen Bann und beeindruckt mit seiner Leinwandpräsenz. Das ist auch sehr wichtig so, denn Welles spielt zwar einen kleinen, aber äußerst bedeutenden Part, er muss also auf sehr kurze Zeit viel Eindruck hinterlassen – was ihm natürlich gelingt. Und wie. Obwohl Welles nur drei Auftritte im Film hat und in zwei davon nicht mal spricht, ist es doch gerade er, der einem nach dem Film besonders im Gedächtnis bleibt. Und natürlich sorgt Welles persönlich für das unvergesslichste Zitat des Films – und damit einen guten Grund, einen Soundclip einzufügen:

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thirdman-stairsEigentlich sollte man Wien auch noch zu den Darstellern zählen. Der Film lebt von der eigentümlichen Atmosphäre der Stadt – von den zerbombten Häusern, dem alten Prunk, den engen düsteren Gassen mit Kopfsteinpflaster, vom Schwarzmarkt und der eher verplanten internationalen Polizei und natürlich von den ganz eigenen Einwohnern der Stadt.

Die Zither-Musik von Anton Karas gehört sicherlich zu den berühmtesten Aspekten des Films – und das zu Recht. Die schwungvolle Musik trägt sehr zur Wien-Stimmung bei, und passt vor allem perfekt zum Film: Zum leichtfüßigen Beginn sowieso, aber auch später, wenn der Film zum düsteren Film Noir geworden ist. Das mag man bei dem melodischen Hauptthema erst gar nicht glauben, doch es ist wirklich bemerkenswert, wie toll die Musik hier die Handlung unterstreicht oder ironisch kommentiert.

Es sind aber auch die vielen magischen und skurrilen Kleinigkeiten, die The Third Man so wunderbar machen. Der geniale kleine “Papa, der war´s!”-Junge. “A parrot bit me.” Die vielleicht großartigste Filmkatze der Welt. thirdman-wellesWinkler vs Vinkler. Hedwig Bleibtreu (die Urgroßmutter von Moritz Bleibtreu) als herrlich schrullige Vermieterin. “Already in *nach-oben-deut* hell. Or in. *nach-unten-deut* heaven.” Die ganzen Seitenhiebe auf Martins niveaulose Literatur. Selbst so Dinge, für die der Film an sich gar nichts kann, wie das knuffige “Freies Ausspucken Verboten”-Schild im Riesenrad im Prater.

Genug geschwärmt, es bleibt nur noch, eine uneingeschränkte Empfehlung zu geben: Schaut den Film, jetzt, so schnell wie möglich – The Third Man ist wirklich ein kleines Meisterwerk, das man unbedingt gesehen haben sollte.
Nach dem großen Erfolg des Films gab es übrigens eine Prequel-Hörspielreihe, durch deren 52 Teile ich mich gerade höre, und die natürlich auch hier im Blog besprochen wird, sobald ich durch bin.

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2 Antworten zu “Filmkritik: THE THIRD MAN”

  1. hutab sagt:

    Hey, danke für diese klasse Filmkritik :)
    Jetzt muss ich nur noch schauen woher ich den Film bekomme… sehe gerade, das es die Originalfassung bei Amzon schon für 15€ gibt. Werde ich gleich mal bestellen.

  2. Maria sagt:

    Ich hoffe, dir gefällt der Film auch gleich so gut wie mir! :D Wobei ich mir da wohl keine Sorgen machen muss, ich kann mir gar nicht so recht vorstellen, dass irgendwem der Film nicht gefallen kann…

    Nachdem du offensichtlich auch Hörspiel-Fan bist, kannst du ja dann auch gleich mit der Hörspielserie weitermachen – ich find das klasse, wenn man die Begeisterung die man über so einen tollen Film hat, mit solchem Spin-Off-Material noch etwas weiter ausleben kann. So viel hat die Hörspielreihe zwar nicht mit dem Film zu tun, aber Spaß macht sie doch ziemlich viel.
    Hübsche Seite übrigens, die du da gerade aufbaust, wünsche dir noch viel Erfolg damit!

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