Filmkritik: MACBETH (1948)

6. June 2009

macbeth48-cover1948 war ein gutes Shakespeare-Jahr: während Laurence Olivier seinen gefeierten Hamlet abgeliefert hat, gab es von Orson Welles diese Macbeth-Verfilmung. Welles hatte 1936 schon eine vielgepriesene Macbeth-Aufführung mit komplett afro-amerikanischer Cast und Haiti als Schauplatz inszeniert, für seinen Film übernahm er nun selbst die Hauptrolle und situierte das Stück im gewohnten Schottland. Und weil es jetzt seit längerer Zeit keinen Orson Welles mehr hier im Blog gab, gibt es auch einen Orson-Picspam dazu.

Regisseur: Orson Welles
Drehbuch: Orson Welles, William Shakespeare
Musik: Jacques Ibert
Darsteller: Orson Welles, Jeanette Nolan, Dan O’Herlihy, Roddy McDowall, Edgar Varrier, Alan Napier
Crew: John L. Russell (cinematography)
Erscheinungsjahr: 1948

STORY
Schottland im 11. Jhd: Macbeth (Orson Welles kehrt gerade siegreich vom Schlachtfeld zurück, als er auf drei Hexen trifft, die ihm weissagen, dass er König von Schottland werden wird. Angestachelt durch diese Aussichten schmiedet er mit seiner Frau (Jeanette Nolan) einen Plan, um König Duncan (Erskine Sanford) zu ermorden. Dies glückt, Macbeth wird König – doch sein Gewissen und die Weissagung der Hexen, dass nicht seine, sondern Banquos (Edgar Barrier) Söhne Könige werden würden, lassen ihm keine Ruhe…

REVIEW
Orson Welles Macbeth hat keine einfache Produktionsgeschichte hinter sich: nachdem Welles vergeblich Produzenten an einer Othello-Verfilmung interessiert hatte, wurde ihm schließlich ein Macbeth-Film gewährt – den Welles in 23 Tagen (!) mit einem macbeth48-fahnenMinibudget drehte. Als der Film ins Kino kam, wurde er weder von Kritikern noch vom Publikum geschätzt, und das Studio reagierte darauf, dass sie die ganze Cast die Dialoge neu synchronisieren lies und den Film um 20 Minuten kürzte – wie so ein Eingriff einem Regisseur wie Orson Welles gefallen hat, kann man sich denken. Inzwischen wurde die ursprüngliche Filmversion wieder hergestellt, die auch hier besprochen wird.

Man sieht dem Film die Budget- und Zeitlimitationen durchaus an, doch es ist immer noch bemerkenswert, was Welles unter diesen Umständen noch geschaffen hat. Die Inszenierung ist deutlich vom Theater geprägt, doch trotzdem erlangt der Film eine gewisse Epik, und die Massenszenen sind beeindruckend. Die Sets sind fast schon minimalistisch, aber erzeugen doch eine passende Atmosphäre und sind teilweise fast schon surreal. Die Kostüme gehen in die gleiche Richtung: realistisch sind die keineswegs, aber die kuriose Mischung aus verschiedenen Einflüssen und ungewohnten Formen unterstreicht wunderbar die Stimmung des Stücks. Und macbeth48-hexenselbstverständlich ist das alles so virtuos gefilmt wie man es von Welles erwartet: ungewöhnliche Perspektiven, faszinierende Kompositionen und gekonntest Spiel mit Licht und Schatten.

Besonders interessant ist bei dieser Verfilmung, dass das Stück hier als Religionskonflikt ausgelegt wird. Auf der einen Seite ist da Macbeth als Repräsentant des alten, heidnischen Glaubens, der an die Prophezeiungen der Hexen glaubt – und natürlich daran zugrunde geht. Auf der anderen Seite sind Duncan, Banquo, Macduff ect. Anhänger des Christentums, das diesen alten Glauben verneint und bekämpft. Um das zu betonen hat Welles einen neuen Charakter eingeführt, einen Priester (der hauptsächlich die Verse von Ross spricht), und vor allem auf der visuellen Ebene wird dieser Konflikt deutlich unterstrichen: die Christen halten Messen, bekreuzigen sich oft oder halten Taktikdiskussionen vor einem Wegkreuz – und wenn am Schluss das angreifende Heer ein Meer aus Lanzen mit Kreuzen an der Spitze trägt, muss man unweigerlich an einen Kreuzzug denken.

macbeth48-ladyWie oben geschrieben ließ das Studio die Texte neue einsprechen – in der Originalfassung sprechen die Schauspieler nämlich mit schottischem Akzent. Wobei, schottischer Akzent ist übertrieben, sie sprechen eigentlich normales Englisch mit rollenden Rs. Das ist eine ungewöhnliche Mischung, und gerade am Anfang muss man sich da erstmal einhören um sich an diesen Klang zu gewöhnen – ich hätte durchaus darauf verzichten können. Zum Glück ist Welles ja Hörspiel-geschult und kommt damit mit seinem Akzent recht gut klar.

Orson Welles spielt die Titelrolle mit gewohnt überwältigender Präsenz und überzeugt sowohl als blutrünstiger Tyrann als auch in Momenten verzweifelter Panik. In ein paar Szenen ist er kurz vorm Overacting, aber es funktioniert doch immer gut. Mit Jeanette Nolan als Lady Macbeth hatte ich mehr Probleme – irgendwie war sie mir immer entweder ein wenig zu hysterisch oder ein wenig zu zurückhaltend, und die macbeth48-kreuzzugEntwicklung die sie durchmacht kommt auch sehr abrupt. Vielleicht lag es aber auch einfach daran, dass Nolans “Schottisch” besonders seltsam klingt. Die restlichen Schauspieler sind solide, hinterlassen aber keinen bleibenden Eindruck – außer Malcolm vielleicht, weil der wie ein lästiges, altkluges Kind wirkt, das man wirklich unter keinen Umständen auf dem Thron sehen will…

Welles Macbeth ist eine gelungene Inszenierung des Stücks – mit offensichtlichen Einschränkungen, aber gerade deswegen auch besonders faszinierend. Für Fans von Macbeth und ganz besonders für Fans von Orson Welles ein sehr empfehlenswerter Film.

Picspam

(dessen alberne Kommentare nicht bedeuten sollen, dass der Film lächerlich ist. Ist er echt nicht. Nur wenn man Screenshots aus dem Kontext nimmt)

Ein Must-Have dieser Saison, der modische Trichterhut. Ganz einfach zum selbermachen: Einfach einen Trichter mit Pelz umranden und auf den Kopf stülpen.
wellesmacbeth-trichter

Foreshadowing: Manche Leute behaupten, diese ungewöhnliche Rüstung würde das Motiv der Blubberblasen im Kessel der Hexen aufgreifen. Wir wissen es besser und erkennen die Dalek-Referenz.
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Noch mehr interessante Hutmode – aber wer will spotten, wenn Welles mit diesem Blick unterwegs ist?
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Sorry Orson, aber dieser Gesichtsausdruck ist zu witzig um ausgelassen zu werden *g* Den Thron finde ich übrigens extrem klasse.
wellesmacbeth-thron

Noch ein guter Blick auf Welles Beard of Evil
wellesmacbeth-horror

“I have lived long enough” -
Awww, armer Macbeth, komm her, lass dich drücken…
wellesmacbeth-huh

Orson Welles war nicht besonders glücklich über die Kostüme, die ihm zur Verfügung gestellt wurden, weil er meinte, dass er darin wie die Freiheitsstatue aussehen würde. Ich weiß wirklich nicht, wie er auf diese Idee kam.
wellesmacbeth-freiheitsstatue

Aber im Ernst: Diese Kronenvariante ist eigentlich ziemlich schick, und hat für mich während dem Film nicht sonderlich lächerlich gewirkt.
wellesmacbeth-schatten

“Lay on, Macduff!” – dafür gibt es sogar einen finalen Smirk.wellesmacbeth-layon

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