Hörspiel: Hamlet (1936)
5. October 2009
Quasi ein “Sieben auf einen Streich”-Beitrag: Hier geht´s vor allem um Orson Welles und Hamlet, aber auch um Zac Efron, mit Gastschnuffelauftritten von Patrick Kennedy und Leo Bill. Und weil’s um Hamlet geht, können wir an dieser Stelle ja auch noch erwähnen, dass der Film mit David Tennant und Patrick Stewart am 28.12. auf DVD erscheint, dann hätten die wir die auch noch dabei.
Also, nochmal von vorne: Es folgt eine Besprechung von Orson Welles’ Radio-Adaption von Hamlet – das bietet sich nicht nur wegen der generellen Großartigkeit von Welles und Hamlet an, sondern auch, weil diese Adaption im kommenden Film “Me and Orson Welles” mit Zac Efron kurz angesprochen wird. Und es den Clip von dieser Szene schon jetzt zu sehen gibt:
Schön und gut – aber was halten wir davon?
“Considering the time restraints you were under trying to squeeze Hamlet into two half-hour broadcasts, I’d say the results were very close to brilliant”.
Nun, wenn ich Orson Welles gegenüberstehen würde, würde ich wohl das gleiche sagen – und wenn ich will, dass er mir eine Rolle gibt, würd ich wohl noch mehr schwärmen. Nachdem das beides aber nicht der Fall ist, darf ich kritischer sein – denn tatsächlich ist dieser Hamlet eher nicht “very close to brilliant”.
Es ist natürlich schon klar, dass nichts wirklich Großes rauskommen kann, wenn man ein Stück, das eigentlich gut vier Stunden dauert, in zweimal einer halben Stunde unterbringen will. Welles spricht über dieses Problem auch vor dem Stück und meint, man habe versucht, sowohl die bekanntesten Szenen als auch eine halbwegs kohärente Handlung zu präsentieren.
Ein weiteres Problem ist, dass scheinbar anfangs gar keine komplette Hamlet-Adaption geplant war, sondern Welles eigentlich nur die ersten beiden Akte vertonte und zwei Monate später wegen des Erfolgs der Sendung den Rest des Stücks nachreichte. Hätte man gleich eine vollständige Fassung im Sinn gehabt, hätte man wohl bei den ersten beiden Akten mehr gekürzt und damit mehr Zeit für die handlungsreicheren letzten drei Akte gehabt.
In W
elles Hamlet fehlen nämlich schon einige Dinge, die einfach notwendig gewesen wären. Zum Beispiel “To be or not to be”, das hier völlig unter den Tisch fällt. In gewisser Weise muss man Welles ja schon zu dem Mut gratulieren, die vielleicht berühmtesten Verse der Literaturgeschichte, auf die bei Hamlet jeder wartet, ohne weiteren Kommentar zu streichen. Wie viele Hamletproduktionen trauen sich das schon? Trotz allem bleibt aber das Problem: Hamlet ohne “To be or not to be” funktioniert nicht. Schon gar nicht in einer Fassung, in der eh so viel gekürzt ist, dass man eigentlich keine Ahnung hat, warum Hamlet überhaupt zögert. Da muss “To be or not to be” kommen. Es irritiert besonders, weil man auch einige Textpassagen drin hat, auf die man da viel eher verzichten könnte. Wie Hamlet die Schauspieler über ordentliche Schauspielkunst aufklärt ist ja schön und gut, aber halt doch nicht relevant für die Handlung.
Damit Hamlets Handeln immerhin nicht ganz so unverständlich erscheint, bekommen wir die ziemlich kompletten “What a rogue and peasant slave am I”-Passage, das macht das Fehlen von “To be or not to be” zumindest ein bisschen wett:
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Hamlets Motivation in dieser Adaption auch nicht gerade dienlich ist, dass Ophelia praktisch ganz gestrichen wird: Im ersten Teil kommt sie gar nicht vor, im zweiten Teil darf sie zwei Sätze vor der Theateraufführung und drei Sätze im Wahnsinn sagen und das wars. Wenn Hamlet also gegen Ende ein kraftvolles “I loved Ophelia” in die Welt posaunt, ist das das erste Mal, dass wir davon hören. Das ist wohl auch einfach eine Folge der Zweiteilung des Stücks: im ersten Teil konnte man sie noch problemlos rausstreichen, aber im zweiten Teil braucht man sie dann halt doch und kommt dann ins Stolpern.
Tatsächlich ist man eh nicht besonders erfreut, wenn Ophelia doch endlich mal zu Wort kommt – die wird nämlich ganz furchtbar schlecht gesprochen. Ich erspar euch ein Soundbeispiel, aber ich zucke jedesmal zusammen, wenn sie den Mund aufmacht – völlig unpassend dümmlich und weinerlich, es ist ein Graus. Also doch gut, dass sie kaum vorkommt.
(Ah. Nachdem ich diesen Absatz getippt hab, hab ich doch noch herausgefunden, wer Ophelia gesprochen hat: Virginia Welles. Tja, Nepotismus hat noch nie jemandem gut getan…)
Mit Laertes funktioniert es quasi genauso – der taucht auch erst am Schluss aus heiterem Himmel auf, damit Hamlet halt jemanden hat, mit dem er sich duellieren kann. Durch solche Sachen wirkt gerade die zweite Hälfte einfach ziemlich verwirrend und so richtig versteht man nie warum die Leute so handeln wie sie handeln – wer Hamlet nicht kennt, ist bei so einer Adaption wirklich aufgeschmissen.
Gut, wir wollen jetzt nicht das ganze Stück auseinandernehmen und das Für und Wider jeder einzelnen Szene diskutieren – belassen wir es jetzt also einfach dabei, dass ich eine andere Szenenauswahl bevorzugt hätte, und dass ich Welles Auswahlentscheidungen nicht mal komplett nachvollziehen kann. Trotzdem ist Welles Radio-Hamlet durchaus gelungen, denn an der Umsetzung gibt es wenig zu kritisieren, besonders der nicht ganz so überhastete erste Teil macht immer wieder Spaß. Welles Hamlet zeigt wenig vom Witz und vom Wahnsinn der Figur (die meisten dieser Szenen wurden gestrichen und würden wohl auch nicht so recht zu Welles passen), aber dafür profitieren die nachdenklichen und energischen Passagen von Welles magischer Stimme. Und wie oft bekommen wir schon einen Hamlet, dessen Darsteller tatsächlich glaubwürdiges Hamlet-Alter hat?
Hier also noch zwei Kostproben – zuerst aus dem ersten Teil, Claudius und Gertrude wollen Hamlet aufmuntern, dem aber nur nach zynischen Antworten zu Mute ist (Qualität lässt zu wünschen übrig, aber was will man tun):
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Und hier kann man dann hören, wie viel mehr im zweiten Teil gekürzt werden musste, und welche Auswirkungen das dann auf den Fluss hat – Hamlets “Alas, poor Yorick”-Rede (die mit dem Schädel):
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Unterm Strich bleibt die Erkenntnis, dass man Hamlet wohl einfach nicht auf eine Stunde zusammenkürzen sollte. Und dass ein Orson Welles Hamlet trotz allen Problemen für Fans der beiden immer noch sehr lohnenswert ist – auch nach dreimal Hören bin ich noch fasziniert davon.
Orson Welles Hamlet ist natürlich wie immer kostenlos und legal im Internet Archive zu bekommen.
Achja, und wer sie nicht kennt: Leo Bill und Patrick Kennedy tauchen in dem Clip da oben auf, Leo steht in den Nahaufnahmen von Christian McKay als Welles direkt hinter ihm, Patrick steht ganz rechts in den Aufnahmen der ganzen Gruppe.
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Tags: Hamlet, Me and Orson Welles, Old Time Radio, Orson Welles, Shakespeare, Zac Efron
