Filmkritik: ANOTHER COUNTRY
22. November 2009
Ein Film, den ich sehen wollte, seit ich die wunderbare Miniserie Cambridge Spies über den Spionagering um Guy Burgess gesehen habe. Another Country nun basiert lose auf dem frühen Leben von Guy Burgess und ist mit den jungen Rupert Everett, Colin Firth und Cary Elwes besetzt.
Die deutsche DVD ist vergriffen und nur noch zu Mondpreisen erhältlich, aber jetzt ist mir der Film in der Uni-Videothek in die Hände gefallen. Allerdings auch tatsächlich als Video und damit in fürchterlich mieser Qualität – aber besser als nichts.
Regisseur: Marek Kanievska
Drehbuch: Julian Mitchell
Musik: Michael Storey
Darsteller: Rupert Everett, Colin Firth, Cary Elwes, Michael Jenn, Tristan Oliver, Robert Addie, Rupert Wainwright
Erscheinungsdatum: 1984
STORY
Guy Bennett (Rupert Everett) und Tommy Judd (Colin Firth) sind beide Außenseiter an ihrer Privatschule – Guy, weil er offen seine Homsexualität zeigt, Tommy, weil er Kommunist ist. Während Guy sich bemüht in der Schulhierarchie aufzusteigen, verliebt er sich in James Harcourt (Cary Elwes).
(Anmerkung: Ich hab euch Screenshots meiner miesen VHS erspart und lieber brauchbare Bilder aus dem Internet zusammengesucht.)
REVIEW
Another Country ist eine Verfilmung des gleichnamigen Theaterstücks, das wie schon erwähnt lose auf dem Leben von Guy Burgess basiert. Genauer gesagt auf dessen Schulzeit, im Mittelpunkt steht also das Leben an einer englischen Privatschule in den 30ern, während Spionage gar nicht, und Kommunismus
eher am Rande auftritt. Es wird also veranschaulicht, warum sich Burgess schließlich zum Kommunismus und gegen sein eigenes Land wandte, der Film zeigt aber nicht, wie es so weit kommt.
Das ist natürlich sehr interessant, und völlig in Ordnung, dass sich der Film darauf konzentriert – etwas seltsam nur, dass alles in eine Rahmenhandlung eingebettet wird, in der der alternde Guy in Russland seine Geschichte einer Journalistin erzählt, und somit die Spionagesache betont wird, obwohl sie für die eigentliche Story nicht von so großer Bedeutung ist. Dass wir den Film mit dem schon übergelaufenen Guy beginnen, erweckt eine gewisse Erwartungshaltung, die einfach nicht zum restlichen Film passt. Am besten man ignoriert einfach die Rahmenhandlung, und stellt sich auf ein leises Drama ein.
Die Stärke von Another Country liegt schließlich in der Darstellung des Lebens in einer Privatschule in den 30ern und dem, was dazugehört: der speziellen Hierarchie unter den Schülern, dem strengen Verhaltenskodex, den Intrigen und Geheimnissen – und wie man an diesem System scheitern muss, wenn man offen schwul ist.
Das Paradoxe dabei ist, dass Homosexualität zu dieser Zeit in Privatschulen
keineswegs etwas Unerhörtes war, sondern viel mehr eine gedultete Möglichkeit für die Jugendlichen trotz Abgeschnittenheit von Frauen ihre erwachende Sexualität auszuleben. Wie Guy mal trocken feststellt: “The reason everyone gives in in the end, is they get lonely doing it on their own. They long for company.”. Guys “Fehlverhalten” ist also nicht, dass er mit anderen Männern schläft, sondern dass er kein Geheimnis daraus macht, dass er sich keine Gedanken um Skandale und das Ansehen seines Hauses macht, dass es für ihn eben nicht “all just a passing phase” ist.
Trotz der einfühlsamen Darstellung dieses Lebens bleibt der Film teilweise etwas zu kalt. Die versnobbte Upper-Class-Haltung, die ja auch unsere eigentlich dagegen aufbegehrenden Helden teilen, weil sie nun eben damit aufgewachsen sind, distanziert den Zuschauer etwas zu sehr, so dass einem das Mitfühlen manchmal etwas schwer fällt. Einzelne Szenen stechen dabei heraus, in denen plötzlich die Emotionen unter dem
oberflächlichen Schein hervorbrechen und einem doch sehr ans Herz gehen – allen voran eine Konfrontation zwischen Guy und Tommy, in der Guy Tommy vorwirft trotz allem Gerede von Gleichheit doch immer noch Schwule zu diskriminieren.
Die miese Videoqualität in der ich den Film sehen musste, ist aus zwei Gründen besonders bedauernswert: Zum einen ist Another Country eigentlich sehr schön gefilmt, mit überlegter Bildgestaltung und faszinierender Ausleuchtung. Doch gerade weil der Film viele dunkle Szenen mit dominierenden Schatten hat, hat man da mit der Videoqualität keine Chance.
Und ganz oberflächlich gesehen ist es zum anderen schade, dass man so die Schauspieler nicht ordentlich würdigen kann – die sind da nämlich alle noch wunderbar jung (für Everett ist es die Durchbruchsrolle, für Firth und Elwes sogar der erste Spielfilm) und spielen vor allem auch toll. Ganz besonders Rupert Everett ist bemerkenswert, sei es beim Flirten mit Cary Elwes, beim Diskutieren mit Colin Firth oder beim schnippischen rebellieren gegen die Konventionen. Man fragt sich unweigerlich, ob sich Everett nicht bis zu einem gewissen Grad selbst spielt – er hatte ja selbst so seine Probleme mit Autorität in seiner Schullaufbahn.
(Trivia am Rande: Rupert Everett und Colin Firth haben beide im Theater
den Guy Bennett gespielt, gegenüber Everett war da auch Kenneth Branagh als Tommy dabei, und nach Everett hat Daniel Day-Lewis die Guy-Rolle übernommen – ja, eine bemerkenswert besetzte Theaterproduktion. Everett und Firth konnten sich übrigens nicht ausstehen, haben sich jetzt gut 20 Jahre lang ständig angegiftet und erst letztes Jahr versöhnt. Das tut ihren Leistungen in dem Film aber keinen Abbruch. Oh, und Everett ist der Großneffe von Donald Maclean, einem der Cambridge Spies – ja, England ist halt klein.)
Die Rahmenhandlung ist seltsam und zum Teil fällt einem als Zuschauer der emotionale Zugang schwer, doch abgesehen davon ist Another Country ein sehr empfehlenswerter Film, mit interessantem Blick auf Privatschulen und sehr sehenswerten Leistungen von Rupert Everett und Colin Firth.
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Tags: Cambridge Spies, Colin Firth, Rupert Everett
