Filmkritik: HAMLET (2000)

27. November 2009

hamlet2000-coverEine ausgewachsene Hamlet-Reihe werd ich vor Weihnachten nicht machen, aber ein bisschen Vorbereitung darf doch sein und deswegen hab ich mir nun endlich diese Hamlet-Verfilmung mit Ethan Hawke angesehen, von der ich bisher nur Ausschnitte kannte. Regisseur Michael Almereyda hat die Handlung ins moderne Manhattan versetzt, aber Shakespeares Text beibehalten.
Weil ich sowieso nicht finde, dass der Film wirklich für Hamlet-Einsteiger geeignet ist, hab ich in der Review keine große Rücksicht auf Spoiler genommen.

Regisseur: Michael Almereyda
Drehbuch: Michael Almereyda (Vorlage: William Shakespeare)
Musik: Carter Burwell
Darsteller: Ethan Hawke, Kyle MacLachlan, Diane Venora, Bill Murray, Julia Stiles, Liev Schreiber, Sam Shepard, Karl Geary
Erscheinungsdatum: 2000

STORY
Die Welt von Student Hamlet (Ethan Hawke) gerät aus den Fugen: Sein Vater, der Geschäftsführer der Denmark Corporation in Manhattan, ist tot und seine Mutter Gertrude (Diane Venora) hat seinen Onkel Claudius (Kyle MacLachlan) geheiratet. Außerdem wird seiner Freundin Ophelia (Julia Stiles) von ihrem Bruder Laertes (Liev Schreiber) und ihrem Vater Polonius (Bill Murray) von einer Beziehung zu Hamlet abgeraten. Und da erscheint Hamlet auch noch der Geist seines Vaters, erklärt ihm, dass Claudius ihn ermordet hat, und drängt Hamlet zur Rache…

REVIEW
Michael Almereydas Hamlet ist einer dieser Filme, bei denen ich danach nicht so recht weiß, ob sie mir jetzt gefallen haben oder nicht. Weil es neben einigen wirklich guten und einigen wirklich schlechten Aspekten einfach Vieles gibt, das ich je nach Tagesform bewerte: wenn ich hamlet2000-brunnenmit etwas gutem Willen ran gehe, finde ich es interessant oder clever, wenn ich etwas kritischer darüber nachdenke, find ich es eher albern und pretentiös.

Almereyda versetzt Hamlet ins moderne Manhattan, bindet soviele moderne Medien wie möglich in die Handlung ein und bastelt sich damit einen höchst selbstreferenziellen, metafiktionalen Film zusammen. Zum Teil funktioniert diese Modernisierung und das Spiel mit Medien gut, zum Teil wirken diese Dinge forciert und unfreiwillig komisch oder gar unverständlich.
Manche Ideen sind wirklich geschickt und gefallen mir gut. Beispielsweise spricht Hamlet seinen „O what a rogue and peasant slave am I“-Soliloquy, in dem er seine eigene Untätigkeit bejammert, nicht als Reaktion auf eine Rede eines Schauspielers (der ohne realen Grund emotional sein kann), sondern während er sich James Dean in „Rebel Without a Cause“ anschaut. Und das „play within a play“ durch einen „film within a film“ zu ersetzen ist absolut logisch und funktioniert hervorragend.
Anderes mag aber einfach nicht funktionieren. hamlet2000-rogueandpeasantslave„To be or not to be“ in der Actionabteilung einer Videothek ist ja prinzipiell eine gute Idee, aber Actionfilmausschnitte im Hintergrund und massenhaft rote „ACTION“-Schildchen sind dann doch zu viel des Guten und das ganze kippt etwas ins Alberne. Viele dieser Dinge fallen eben in die „je nach Tagesform“-Kategorie bei mir.
Und bei manchen der verwendeten Symbole ist es mir schlicht ein Rätsel, was sie sollen. Kann mir irgendwer sagen, was die Aufnahmen von Flugzeugen im Himmel sollen (hier z.B. in der Nunnery-Szene)?

Etwas seltsam, wie veraltet schon neun Jahre später diese Modernisierungen wirken. Disketten, Videokasetten, Fax statt Email – da altert ein Film schnell. Etwas irritierend auch, dass die Modernisierung nicht konsequent durchgezogen wird. Bei allen modernen Medien läuft es am Schluss doch auf ein Fechtduell und vergifteten Wein hinaus – eine etwas konsequentere und harmonischere Modernisierung wäre da wohl besser gewesen.

Unter all den Modernisierungen und netten Ideen vergisst der Film dummerweise, sich um die Charaktere und den Fluss und die Stimmung des Films zuhamlet2000-gertrudeclaudius kümmern. Ethan Hawke ist nicht übel als Hamlet, doch der Film lässt seinen Charakter keine Entwicklung durchmachen – Hamlet ist hier konstant depressiv und verwirrt, und wie er zu seinem Auftrag zum Mord an Claudius steht ist äußerst konfus. Was sollen wir denn mit einer Szene, in der Hamlet schon im zweiten Akt zum Mord entschlossen ist, und Claudius nur deswegen nicht erschießt, weil er nicht in seinem Büro ist? Und warum wird dem Zuschauer nicht erklärt, warum Hamlet Claudius in der Beichtszene nicht ermorden kann (in diesem Film ist das Beichten ein Voice-over, das Hamlet nicht hört, warum sollte er dann nicht abdrücken?). Und auch der von mir eigentlich sehr geschätzte Kyle MacLachlan kann nicht verhindern, dass Claudius hier ziemlich blass wirkt.
Immerhin trifft es die Frauen etwas besser: Diane Venora glänzt in ihren Szenen als Gertrude (Venora hat ja auch schon reichlich Hamlet-Erfahrung, sie hat vor diesem Film schon einmal Getrude, Ophelia und Hamlet selbst gespielt). Und vor allem auch Julia Stiles als Ophelia sorgt für einige tolle Momente des Films.

Noch in einem größeren Maße als bei Oliviers Hamlet wurde bei dieser Version jeglicher Humor entfernt. Viele witzige Stellen wurden hamlet2000-opheliahamletgestrichen, aber noch erstaunlicher ist, dass einige der eigentlich zum Schmunzeln anregenden Verse zwar drin sind, aber völlig ernst präsentiert werden: Hamlets ‘madness’ sorgt hier nie für frechen Witz, sondern wird durchgehend als depressive Unruhe dargestellt. Den Totengräber bekommen wir zwar zu Gesicht, und er darf die Verse „There’s too much confusion, I can get no relief“ aus „All Along the Watchtower“ singen, aber seine eigentliche Szene entfällt völlig (und damit auch „Alas, poor Yorick“). Und selbst obwohl man Polonius mit dem eigentlich Comedy-geschulten Bill Murray besetzt hat, spielt dieser absolut verschlafen und unlustig (tatsächlich hab ich nur bei seiner Todesszene gegrinst. Nicht, weil die lustig wäre, sondern weil ich den Verweis auf The Godfather schick fand (Polonius wird wie Moe Green durchs Auge erschossen)).

Nein, Humor kann dieser Film wirklich nicht bieten. Was wirklich sehr schade ist. Zum einen mag ich den Humor in Hamlet sehr, und Shakespeare hat den ja auch nicht einfach so in das Stück geschrieben, er kontrastiert sich schön mit der Tragik und setzt diese damit noch stärker hervor. Zum anderen hätte dieser Film einfach grundsätzlich mehr Stimmungsabwechslung gebraucht – so ist es einehamlet2000-tobeornottobe sehr bedrückte Angelegenheit, was dann auch schnell zäh wirkt.

Noch ein paar wahllose positive Dinge zum Abschluss: Ich mag die Kameraarbeit, auch wenn ich auf die sehr grieselige Optik verzichten könnte. Ich mag die Architektur der verwendeten Gebäude und überhaupt die Ausstattung, und der Soundtrack ist klasse. Und es gibt eine ganze Reihe von kleinen Szenen, die ich liebe – bspw wie Hamlet vor dem Finale in seiner Wohnung die Bilder von der Wand nimmt, wie Laertes Ophelias Haarnadel zum Abschied mitnimmt, oder die kleinen Kinder in Halloweenkostümen, die immer wieder mal durchs Bild laufen.

Wie oben schon erwähnt, würde ich diesen Hamlet nicht jemandem empfehlen, der mit dem Stoff nicht vertraut ist – weil der Film einfach ziemlich träge sein kann und die Motivation der Figuren nur bedingt funktioniert, da bekommt man ein falsches Bild von Hamlet. Aber es ist zweifelslos ein äußerst interessanter Film, der sich für Hamlet-Kenner sicher lohnt, auch wenn man ihn kaum lieben kann.

Picspam

Ich hab hier noch ein paar Screenshots herumliegen, machen wir doch einen Picspam. Zu Beginn einer der schön pointiert eingesetzten Extreme Close Ups:hamlethawke-closeup

Die “Get thee to a nunnery”-Szene ist nicht nur wegen den Schauspielern und dem geschickten Einsatz von moderner Abhörtechnik toll, sondern vor allem auch wegen dem Quietscheentchen.
hamlethawke-entchen

Hawke-Hamlet guckt Gielgud-Hamlet. Seeehr meta. Aber nett, dass wir so doch noch zu unserer Schädelszene kommen, die bei diesem Film ja wegfällt.
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Ich liebe diese Aufnahme von Hamlet im Waschsalon. So kalt und trist und leer und einsam. Einzige Gesellschaft zwei Kürbisse im Hintergrund, und auch wenn ich wirklich nicht weiß, warum der Film diese Halloween-Sache so betont, gefällt es mir.
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Hamlet und Spiegel: Spätestens seit Kenneth Branaghs Verfilmung ein beliebtes Motiv, und wir werden das wohl auch in Gregory Dorans Verfilmung zu Weihnachten wiedersehen.
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Ui, “Easy Rider”-Hamlet! Ehrlich, mit Motorrad auf so einem Friedhof, das zählt definitiv als Anspielung. Auch in dieser Szene, aber hier nicht zu erkennen: Niedliche Halloween-Kinder, die der Szene etwas traumhaft-surreales verleihen.
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Es ist seltsam, unseren modernen Hamlet auf einmal Fechten zu sehen, aber nachdem Fechtoutifts schick sind, will ich mich nicht beschweren.
hamlethawke-duell

The rest is silence.
hamlethawke-silence

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