Orson Welles: CAESAR – Death of a Dictator
3. December 2009
Me and Orson Welles erzählt die Geschichte der “Julius Caesar”-Inszenierung von Orson Welles – ein guter Grund, sich die realen Hintergründe dieser bemerkenswerten Produktion genauer anzusehen. 1937 nahmen sich der 22-jährige Orson Welles und sein Produzent John Houseman Shakespeares Julius Caesar als erstes Stück des Mercury Theatres vor, trafen mir ihrer Anti-Faschismus-Inszenierung den Nerv der Zeit und schrieben Theatergeschichte.
Ich hab hier nun die interessantesten Dinge über diese Aufführung zusammengefasst – es ist ziemlich lang geworden, sorry, aber dafür gibt’s Zwischenüberschriften, so dass ihr auch nur das lesen könnt, was euch interessiert. Und natürlich Bilder – die meisten davon auch von besserer Qualität wie das hier rechts.
Erfreulicherweise fand sich neben einiger Sekundärliteratur auch ein Buch mit der Textfassung dieser Aufführung in meiner Uni-Bibliothek, man kann sich also ziemlich gut zusammenreimen, wie diese Inszenierung ausgesehen hat.
Worum geht’s in Julius Caesar?
Gut, ich denke jeder hier weiß über die Ermordung Julius Caesars Bescheid, für alle, die wissen wollen, wie sich das bei Shakespeare abspielt, können entweder bei Wikipedia nachschauen, oder bekommen hier eine knappe Zusammenfassung von mir:
Cassius überzeugt Brutus sich einer Verschwörung gegen Julius Caesar anzuschließen, Brutus ist zwar ein Freund Caesars, sieht jedoch die Notwendigkeit Caesar zu ermorden, da dieser nach dem Bürgerkrieg unrechtmäßig an der Macht ist und die Gefahr besteht, dass er sich zum König krönen lässt (Cassius hilft bei Brutus’ Entscheidung etwas nach, indem er ihm mit gefälschten Briefen vorspielt, dass das römische Volk bei ihm
Hilfe sucht). Obwohl Caesar von einem Wahrsager vor diesem Tag gewarnt wurde, und seine Frau Calphurnia böse Omen geträumt hat, lässt sich Caesar an den Iden des März (15. März) von den Verschwörern überreden, in den Senat zu gehen. Dort wird er schließlich von den Verschwörern erstochen (“Et tu, Brutà©? Then fall Caesar”, das kennen wir ja). Mark Antony, Caesars engster Vertrauter, wird verschont, er scheint sich dem Willen der Verschwörer zu beugen und bekommt von ihnen die Erlaubnis, bei Caesars Begräbnis zu sprechen – solange er nichts schlechtes über die Verschwörer sagt. Bei der Beerdigung spricht erst Brutus und scheint dabei die Massen auf seiner Seite zu haben, und Verständnis für die Ermordung Caesars zu bekommen. Doch Antony dreht mit seiner Rede den Spieß um (“Friends, Romans, countrymen, lend me your ears!”), und obwohl er sich geschickt an sein Versprechen hält, nichts böses über die Verschwörer zu sagen (“For Brutus is an honourable man, so are they all, all honourable men”), wiegelt er die Massen zu einer Meuterei gegen die Verschwörer auf. Cassius und Brutus fliehen aus Rom und ziehen ihre Truppen zusammen, Antony tut sich mit Caesars Adoptivsohn Octavius und Lepidus zusammen und ergreift die Herrschaft. Nach einem Streit und anschließender Versöhnung ziehen Cassius und Brutus in den Kampf, als die Niederlage unausweichlich ist, begehen beide Selbstmord.
Wer spielt was?
Hier die Cast-Liste des Mercury Theatres, Auflistungsreihenfolge meiner Quelle übernommen, mit Anmerkungen zur Rolle und weil wir schon dabei sind auch gleich noch die Schauspieler, die dieser Schauspieler in Me and Orson Welles darstellen.
| Julius Caesar | Joseph Holland | Simon Nehan | |
| Mark Antony | George Coulouris | Ben Chaplin | |
| Publius | Joseph Cotten | Senator | James Tupper |
| Brutus | Orson Welles | Christian McKay | |
| Cassius | Martin Gabel | Verschwörer | Aidan McArdle |
| Casca | Hiram Sherman | Verschwörer | Allesandro Giuggioli |
| Trebonius | John A. Willard | Verschwörer | Harry Macqueen |
| Ligarius | Grover Burgess | Verschwörer | Patrick Kennedy |
| Decius Brutus | John Hoyt | Verschwörer | Travis Oliver |
| Metellus Cimber | Stefan Schnabel | Verschwörer | Rhodri Neil Orders |
| Cinna | Elliott Reid | Verschwörer | Shane James Bordas |
| Flavius | William Mowry | Soldat | Daniel Tuite |
| Marullus | William Alland | Tribun | |
| Artemidorus | George Duthrie | Thomas Arnold | |
| Cinna the Poet | Norman Lloyd | Dichter | Leo Bill |
| Lucius | Arthur Anderson | Brutus’ Diener | (Zac Efron) |
| Calphurnia | Evelyn Allen | Caesars Frau | Megan Maczko |
| Portia | Muriel Brassler | Brutus’ Frau | Kelly Reilly |

Gründung des Mercury Theatre
Damit wir Julius Caesar aufführen können, brauchen wir erst einmal ein Theater. Das John Houseman und Orson Welles kurzerhand selbst gegründet haben – was allein schon eine bemerkenswerte Leistung war. Wie Houseman selbst zurückblickt:
The Mercury Theatre was conceived one summer evening after supper; its birth was formally announced ten days later and it opened on Broadway within ten weeks in a playhouse bearing its own name with a program of four productions, a company of thirty-four and a capital of ten thousand, five hundred dollars.
Houseman und Welles hatten eine Vision und einen Namen, ein geeigneter Ort wurde in einem heruntergekommenen alten Theater gefunden, und weil sie beide kein Geld hatten, setzten sie ein Manifest in die Zeitung um Sponsoren zu finden. Die kamen tatsächlich, zumindest damit technische Leiterin und Beleuchtungsexpertin Jean Rosenthal mit Arbeiten an der Renovierung des Theatergebäudes beginnen konnte. Währenddessen suchten sich Houseman und Welles ihre Cast zusammen, Samuel Leve wurde als Setdesigner engagiert, und die Proben für Julius Caesar begannen. Während Welles oft 16 bis 20 Stunden am Tag im Theater verbrachte, plagten Houseman Geldsorgen – wenn die Aufführung kein großer Erfolg werden würde, wäre das Mercury Theatre ruiniert.

Die Idee
Was diese Produktion auszeichnet, ist in erster Linie, wie Parallelen zwischen Julius Caesar und dem zu der Zeit in Deutschland und Italien aufkommende Faschismus gezogen wurden. Wie bei vielem, für das Orson Welles berühmt wurde, hat er das nicht erfunden – ein paar Monate zuvor wurde bereits Caesar in modernen Kostümen mit Faschismus-Untertönen vom Delaware Federal Theatre aufgeführt – aber er hat die Idee nahezu perfekt umgesetzt und damit den Nerv der Zeit getroffen. Caesar als Prototyp des Diktators, Marc Antony als die Massen kontrollierender Faschist, Cassius als berechnender Revolutionär und dazwischen Brutus als idealistischer Liberaler, der in dieser Welt zum Scheitern verurteilt ist.

Der Text
Orson Welles hatte offensichtlich vor Shakespeare mehr Respekt als vor anderen Autoren, weswegen er anders als bei anderen Produktionen nicht selbst irgendwelche Verse dazugedichtet hat, sondern nur Shakespeare verwendete. Recht viel weiter reichte der Respekt nicht: Welles kürzte das Stück radikal (fast die Hälfte!), strich Charaktere, stellte Szenen um, borgte sich Verse aus anderen Shakespeare-Stücken (Coriolanus, zum Beispiel).
Es blieb eine gestraffte, handlungsbetonte Version des Stücks, die immer den Fokus auf Brutus hält, und bei der vor allem die letzten beiden Akte auf ein Minimum reduziert wurden (Octavius fällt ganz raus, es gibt keine Schlachtszenen, der ganze fünfte Akt ist in meiner Textausgabe nur eine Seite lang). Welles stellt Shakespeare damit ganz in den Dienst seiner Vision der Aufführung.
Die ikonischen Szenen
Neben dem generellen Eindruck sind es ein paar einzelne Szenen, die besonders diese Aufführung definierten. Gemäß der Anti-Faschismus-Richtung der Inszenierung natürlich besonders aus dem dritten Akt: Die Ermordung Caesars bspw, bei der Caesar an der diagonal aufgestellten Reihe der Verschwörer entlangtaumelt um am Ende von Brutus den letzten Stich zu erhalten. Aber vor allem die Massenszenen wurden von Welles sorgfältig orchestriert – mehr davon kann ich euch zeigen, wenn ich über die Caesar-Hörspiele berichte, die die Mercury-Cast gemacht hat.
Bis dahin müsst ihr mir so glauben: Antony peitscht das Volk bei Caesars Beerdigung auf, so dass sie sich in einen aggressiven Mob verwandeln, und die ganze Spannung entläd sich schließlich in der “Cinna the poet”-Szene. Eine Szene, die zuvor in vielen Inszenierungen als unwichtige, eher komische Szene gesehen und ganz weggelassen wurde, und mit der auch Welles so einige Probleme hatte, bis er zusammen mit Cinna-Darsteller Norman Lloyd
den richtigen Ton fand und die Szene schließlich 48 Stunden vor der Premiere in wieder aufgenommen und zum Herzstück der Aufführung wurde. Cinna der Dichter wandelt sorglos auf den Straßen, wird langsam vom aufgebrachten Lynchmob eingekreist und schließlich aufgrund seines Namens, den er mit einem der Mörder teilt, von diesem angefallen. Der Mob verschluckt Cinna, die Bühne wird schwarz und in die Stille ein letzter, vergeblicher Schrei “But I’m Cinna the poet!” Wie es Lloyd selbst erklärt: “It symbolized what was happening in the world, if your name was Greenburg – even if you weren’t Jewish.”
Bühnenausstattung und Beleuchtung
Das Setdesign war so simpel wie effektiv: Für eine elaborierte Ausstattung war sowieso kein Geld da, also fand die Aufführung vor einer kahlen, dunkelrot gestrichenen Wand statt, ohne Requisiten außer den Dolchen, und alles auf einer Konstruktion auf unterschiedlich hohen Holzplattformen. Wobei auch aus der Not eine Tugend gemacht wurde: Welles war erst bestürzt, als er hörte, welchen Lärm Schritte auf den hohlen Holzplateaus machten, doch in den Massenszenen wurde dies zu einem rhythmischen Getrommel, das zur Energie der Inszenierung passte.
Die Beleuchtung von Jean Rosenthal war noch ausgefeilter und steuerte viel zur Stimmung bei. Am berühmtesten wurde von den Lichteffekten fraglos die Beleuchtung bei Antonys Beerdigungsrede, der “Nuremburg lights effect”, der ganz deutlich den Lichteffekten des Reichsparteitags in Nürnberg ein Jahr zuvor nachempfunden wurde.

Zuschauerreaktionen und Nachlass
Ein Erfolg der Aufführung war keineswegs sicher – bis zur letzten Minute wurden Dinge geändert und neu geprobt, und besonders George Coulouris glaubte nicht daran, dass daraus noch irgendwas werden würde und prophezeite den völligen Ruin des Mercury Theatres. Bei der ersten Preview ging praktisch alles schief was schief gehen konnte, und es gab keinen Applaus am Schluss.
Exzessive Proben später und vor allem durch die Einfügung der Cinna-Szene war die Inszenierung jedoch zur Premiere bereit – und ein umfassender Erfolg. Die Kritiker und (deutlich wichtiger für das Überleben des Mercury Theatres) auch das Publikum liebte die Aufführung – die Reviews in den renommierten Zeitungen überschütteten Welles mit Lob und viele Aufführungen waren ausverkauft.
Für den immensen Erfolg spricht auch, dass diese Inszenierung auch bis heute wichtig ist – ich hab mal ein wenig in der Uni-Bibliothek herumgeblättert, und mir ist tatsächlich kein Buch oder Aufsatz untergekommen, der sich mit der Bühnengeschichte von Julius Caesar beschäftigt und nicht Welles’ Inszenierung Tribut zollt.
Literaturverzeichnis
(Keine Sorge, ich fang nun nicht an, mich als Vorbereitung für Filme oder zur Recherche für Blogartikel stundenlang in die Bibliothek zu setzen – ich werd das alles aller Wahrscheinlichkeit nach auch für die Uni brauchen können.)
Anderegg, Michael (1999), Orson Welles , Shakespeare, and Popular Culture, New York: Columbia University Press.
Houseman, John (1972), The Birth of the Mercury Theatre, Educational Theatre Journal, Vol. 24, No. 1 (Mar., 1972), pp. 33-47
France, Richard (1990), Orson Welles on Shakepeare: The W.P.A. and Mercury Theatre Playscripts, Westport: Greenwood Press.
France, Richard, (2000), Orson Welles’s Anti-Fascist Production of “Julius Caesar” , Forum Modernes Theater, 15:2 (New York) pp. 145-161
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