Filmkritik: HAMLET (1980)
6. December 2009
Eine letzte Hamlet-Verfilmung vor Weihnachten, sozusagen der direkte Vorläufer unseres gespannt erwarteten Hamlets von Gregory Doran für die BBC: 1978 begann die BBC ein ambitioniertes Projekt: Alle 37 Shakespeare-Stücke verfilmen, in einer 8 Jahre andauernden Filmreihe. Ohne großes Budget, aber dafür mit erlesener Besetzung: Die dabei entstandene Hamlet-Verfilmung bietet einen famosen Derek Jacobi als Hamlet, Patrick Stewart als Claudius (die Rolle, die er fast 30 Jahre später gegenüber David Tennant erneut spielen durfte), Claire Bloom und Lalla Ward.
Regisseur: Rodney Bennet
Drehbuch: William Shakespeare
Musik: Dudley Simpson
Darsteller: Derek Jacobi, Patrick Stewart, Claire Bloom, Lalla Ward, David Robb, Eric Porter, Patrick Allen, Robert Swann
Erscheinungsdatum: 1980
STORY
Kurz nachdem der alte König Hamlet gestorben ist, heiratet dessen Bruder und neuer König Claudius (Patrick Stewart) dessen Witwe Gertrude (Claire Bloom). Ihr Sohn Hamlet (Derek Jacobi) ist wenig begeistert davon – erst recht nicht, als ihm der Geist seines toten Vaters offenbart, dass Claudius ihn ermordet hat! Hamlet soll ihn rächen, hadert aber ziemlich mit dieser schweren Bürde.
REVIEW
Geduld muss man schon mitbringen. Dafür bietet dieser Film in seiner über 3 ½ Stunden Laufzeit aber auch fast den kompletten Text und ist damit immerhin noch kürzer als Kenneth Branaghs epische 4-Stunden-Version (die übrigens offensichtlich von dieser Verfilmung beeinflusst ist).
An Schauwert hat diese Verfilmung wenig zu bieten: stilisierte, mit wenig Requisiten ausgestattete Studiosets, langweilige flache Ausleuchtung, die für wenig Atmosphäre sorgt, solide, aber unauffällige Kameraarbeit und wegen der Aufnahme auf Video generell ein eher billiger Look. Die Richtlinien der BBC für diese Shakespeare-Reihe schrieben eine traditionelle, konservative Umsetzung der Stücke vor, und mit dem entsprechend geringen Budget eines Fernsehfilms sieht dieser Hamlet aus wie abgefilmtes Theater.
Das mus man eben akzeptieren, und es ist auch gar nicht mal so schlecht, denn nachdem der Film auf dieser Ebene nichts zu bieten hat, muss er sich ganz und gar auf die Kraft von Shakespeares Text und die Leistungen der Schauspieler verlassen – und da hat diese Verfilmung auch einiges zu bieten.
Allen voran natürlich Derek Jacobi als Hamlet. Jacobi hat das Jahr davor eine Hamlet-Welttournee absolviert, und man merkt, dass er diese Rolle in und auswendig kennt, es ist eine kraftvolle, durchdachte Darstellung. Dabei kommt auch immer der Bühnenschauspieler in Jacobi durch, ein wenig theatralisch spielt er schon – allerdings fällt das in dieser in Richtung “abgefilmtes Theater” neigenden Verfilmung nie wirklich negativ auf. Jacobi
zielt sowieso nie auf einen leisen Hamlet ab: sein Hamlet überschreitet die Grenze zum Wahnsinn desöfteren; er spielt diesen nicht nur dem Hof vor sondern verliert bei diesem Spiel auch die Kontrolle. Hamlet ist hier schon zu Beginn wenig zurückhaltend mit seinen beißenden Kommentaren, später dreht er dann völlig auf.
Die Entscheidung, Jacobi seine Soliloquies häufig direkt in die Kamera sprechen zu lassen, fand ich anfangs ein wenig seltsam, doch zum Teil entstehen dadurch sehr intensive Momente, in denen man als Zuschauer viel unmittelbarer mit Hamlet mitleiden kann.
Neben Derek Jacobi glänzt auch Patrick Stewart – ich finde es immer wichtig, dass Hamlet einen kraftvollen Gegenspieler erhält, etwas, woran der Mel-Gibson-Hamlet scheitert, und was dieser Film hervorragend macht. Stewart spielt weniger theatralisch und spricht seine Verse mit sehr natürlicher, unmelodiöser Betonung, ein deutlicher Kontrast zu Jacobi also, aber nicht minder eindringlich.
Claire Bloom spielt eine gute Gertrude, auch wenn einem ihre Darstellung jetzt kaum lange im Gedächtnis bleiben wird, Lalla Ward ist eher schwach als Ophelia, wird aber später besser. Eine der besten Leistungen des Films kommt von Eric Porter als Polonius – besonders nach der wirklich miesen Darstellung von Bill Murray aus der Almereyda-Verfilmung ist es eine Freude, mit Porter so einen witzigen, sympathischen und menschlichen Polonius zu sehen. Was dem ganzen Stück auch unglaublich gut tut,
nicht nur, weil so der Humor funktioniert, sondern auch weil Polonius Tod viel dramatischer ist, wenn man ihn zuvor liebgewonnen hat.
Überhaupt bringt diese Verfilmung viel Witz mit: Mit dem wunderbaren Polonius, Jacobis aufgedrehtem Hamlet, den hier ziemlich schleimigen Rosencrantz und Guildenstern und auch bei den klassischen Komik-Szenen (die Totengräber, Osric) trifft der Film genau den richtigen Ton.
In diesem Film werden sogar Szenen witzig, die man gar nicht unbedingt witzig interpretieren muss. Beispielsweise ist es eine Freude, wie sich die Schauspieler immer (auf eine freundschaftliche Weise) über Hamlets Laien-Theaterbegeisterung lustig machen. Und auch Horatio hat mich immer wieder zum Schmunzeln gebracht, weil er hier so ein wunderbar verhuschter sensibler Denker ist, nie ohne Buch in der Hand anzutreffen, der sich so rein gar nicht in der intriganten Welt des dänischen Hofs zurechtfindet und gleichzeitig so aufrichtig besorgt um Hamlet ist.
(Überhaupt ist die Chemie zwischen Hamlet und Horatio hier hervorragend. So hervorragend, dass man da sogar homosexuellen Subtext reinlesen kann, wenn man denn so gewillt ist. Brauch ich in Hamlet sonst ja wirklich nicht, aber hier sind die beiden sind einfach zu knuffig.)
Noch ein paar Fangirl-Notizen zum Abschluss: Die BBC produziert einfach gern Sci-Fi-Hamlets, oder? Zu Weihnachten bekommen wir ein Zusammentreffen von Doctor Who, Star Trek und Star Wars (David Tennant, Patrick Stewart, Oliver Ford Davies), aber auch dieser Hamlet ist ziemlich bemerkenswert: Captain Picard als Onkel des Masters, der eine Beziehung mit Romana II hat, außerdem spielt Picards Frau in The End of Time mit. Geekgasm, anyone?
Keine Experimente, keine unerwarteten Innovationen, keine faszinierende filmische Umsetzung – aber eine sehr gelungene, sehr vollständige Hamlet-Inszenierung mit einem hervorragenden Derek Jacobi, viel Witz und liebevoll gezeichneten Nebendarstellern, durch die vor allem auch die eher kleinen, unwichtigen Szenen strahlen können. Für jeden Hamlet-Interessierten empfehlenswert, und für Fans der “Hamlet ist wirklich verrückt”-These wohl die ultimative Filmfassung.
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Tags: BBC, Derek Jacobi, Hamlet, Patrick Stewart, Shakespeare

