Filmkritik: HAMLET (2009)
9. January 2010
2008 brachte die Royal Shakespeare Company Hamlet auf die Bühne, mit David Tennant (Doctor Who) in der Hauptrolle gegenüber Sir Patrick Stewart (Star Trek). Dank dem enormen Erfolg der Aufführung ließ die BBC den Regisseur Gregory Doran seine Inszenierung verfilmen und erfüllte damit den Wunsch tausender Hamlet/Tennant/Stewart-Fans, die es nicht ins Theater geschafft haben (sowie derer, die im Theater waren und alles nochmal sehen wollten). Hier also die Besprechung, außerdem gibt es einen sehr langen, zweiteiligen Picspam dazu gibt es hier und hier.
Regisseur: Gregory Doran
Drehbuch: Gregory Doran, William Shakespeare
Musik: Paul Englishby
Darsteller: David Tennant, Patrick Stewart, Penny Downie, Mariah Gale, Ed Bennet, Oliver Ford Davies, Peter De Jersey
Erscheinungsdatum: 2009
STORY
Kurz nachdem der alte König Hamlet gestorben ist, heiratet dessen Bruder und neuer König Claudius (Patrick Stewart) die Witwe des alten Königs, Gertrude (Penny Downie). Ihr Sohn Hamlet (David Tennant) ist wenig begeistert davon – erst recht nicht, als ihm der Geist seines toten Vaters offenbart, dass Claudius ihn ermordet hat! Hamlet soll ihn rächen, hadert aber ziemlich mit dieser schweren Bürde.
REVIEW
Oh, es hätte so viel schief gehen können. Ich habe immer gehofft, dass ich diesen Film mögen werde, aber sicher war das nie. Die Interpretation des Stücks hätte sich mit meiner Idee von Hamlet beißen können. Die Inszenierung hätte in einem anderen Medium nicht funktionieren können. Die Schauspieler hätten zu theatralisch und nicht fernsehgerecht spielen können. Die Verfilmung hätte gründlich daneben gehen können – uninspirierte
Kamera, langweiliges Set, schleppendes Tempo. Trotz allem Lob für die Bühnenaufführung bestand immer die Möglichkeit, dass der Film enttäuschen wird. Nur nach ein paar Minuten weiß man: Nein, dieser Film enttäuscht nicht. Und spätestens zum Abspann kann man sich sammeln und feststellen, dass dieser Film nicht nur Erwartungen erfüllt, sondern übertrifft, und sich mit Leichtigkeit an die Spitze meiner Hamlet-Lieblingsfilmliste setzt – dieser Film macht nämlich praktisch alles richtig.
Es gibt so viele Aspekte dieses Films von denen ich begeistert bin, dass ich hier nie alle erläutern kann. Also nur ein paar ausgewählte Dinge, fangen wir mal mit der Interpretation des Stücks an. Alle anderen Hamlet-Filme, die ich kenne, haben Szenen, bei denen man sich denkt “Hm, das hätte ich anders gespielt, ich seh das anders”. Dieser Film nicht, hier sind Szenen entweder so, wie ich sie mir sowieso vorgestellt hab, oder auf eine Art dargestellt, die mir nicht in den Sinn gekommen wäre, die ich aber großartig finde. Man wird also immer wieder überrascht, auf eine sehr gute “Ah, das macht so ja viel mehr Sinn”-Weise. Schön.
Dann wäre da die Inszenierung und das Setting. Die in edlem Schwarz gehaltene Location sorgt für die passende Stimmung und einen interessanten und abwechslungs- reichen Hintergrund, zieht aber nie die Aufmerksamkeit auf sich, sondern dient nur, um das Geschehen zu unterstreichen. Kameramann Chris Seager fängt alles in edlen, intelligent gestalteten Bildern ein (mehr dazu dann im Picspam) und Regisseur Gregory Doran sorgt für konstant hohe Spannung, selbst wenn man die Geschichte in und auswendig kennt, so dass die drei Stunden wie im Flug vergehen.
Dann ist da natürlich die exzellente Cast, ohne die kein Hamlet-Film funktionieren kann. Allen voran David Tennant. Ich mag da vorbelastet sein, aber ich hab da ja zum Glück die ganz große Mehrheit der Kritiker hinter mir: Tennant spielt einen großartigen Hamlet. So witzig wie tragisch, so brilliant wie unsicher; energisch aufgedreht in den “gespielter Wahnsinn”-Szenen, nachdenklick-zerbrechlich in seinen zweiflerischen Momenten, wir fühlen seine Trauer, seinen Schmerz, seinen Zorn. Viele Reviews der Bühnen- wie der Filmversion haben es schon erwähnt, ich kann mich nur anschließen: Eine der größten Stärken von
David Tennant als Hamlet ist seine Präsentation der Verse. Hamlet ist eines der bekanntesten Stücke überhaupt, mit zahllosen Aufführungen und Filmversionen, und dazu beinhaltet der Text sehr viele Verse, die man selbst im allgemeinen Sprachgebrauch ständig hört. Tennant beherrscht nun die Kunst, diese ausgelaugten Verse mit bemerkenswerter Frische zu füllen und für ein heutiges Publikum relevant und verständlich aufzubereiten. Er schafft es also, dass man bei “To be, or not to be” mit jeder Faser mitfühlt und mitdenkt, statt nach zig Verfilmungen einfach den “Hamlet denkt über Suizid nach”-Stichpunkt im Kopf abhakt.
Patrick Stewart spielt einen recht ungewöhnlichen Claudius. Der ist hier in gewisser Weise ein sehr bewundernswerter Mann, wohl ein besserer Staatsmann als es der alte Hamlet war, und man kann bestens verstehen, warum Gertrude ihn ehrlich liebt und schon vor dem Tod des alten Königs eine Affäre mit ihm hatte (was der Film stark andeutet). Gleichzeitig steht es außer Frage, dass er wirklich böse ist, und zwar auf eine intelligente, berechnende Art, die ihn nur noch gefährlicher macht. Stewart legt seinen Claudius nicht als “den Bösen” an, sondern als facettenreichen Charakter – dafür gab’s
einen verdienten Olivier Award.
Von Penny Downie war ich ebenfalls sehr begeistert. In vielen Hamlet-Filmen bleibt Gertrude ziemlich blass, hier nicht: Downie glänzt nicht nur in den klassischen Gertrude-Szenen, sondern bleibt auch sehr aktiv, wenn sie keinen Text hat, und vermittelt durch vielsagende Blicke, Mimik und Gestik viel von Gertrudes Gedanken und Hintergrund.
Inzwischen dürfte es bekannt sein, dass ich viel Wert auf den Humor in Hamlet lege, auch da kommt man bei diesem Film ganz auf seine Kosten. Mit den sehr humorvoll gespielten Hamlet und Polonius, mit den klassischen Comedyfiguren wie dem Totengräber und Osric, und mit vielen kleinen Gesten im Hintergrund von anderen Figuren.
Oliver Ford Davies gehört sowieso nochmal eigens hervorgehoben: Der hat genauso wie der wunderbare Polonius der 1980er-Verfilmung genau gemerkt, wie man Polonius als sehr witzige und vor allem auch sehr, sehr menschliche Figur spielt, so dass man von seinen Szenen nicht nur bestens unterhalten wird, sondern ihn trotz allen seinen falschen Vorstellungen ins Herz schließt – was wiederum der Dramatik
des Stücks sehr dient.
Haben wir denn auch Dinge, die weniger geglückt sind? Ein paar Klein- igkeiten vielleicht. Die Überwachungs- kamera erzeugt zwar eine gute Stimmung, hätte aber durchaus mehr miteinbezogen werden können, und ist beim Finale etwas unnötig. Ich hab schon bessere Totengräber gesehen. Mariah Gales Ophelia ist sicherlich nicht schlecht, aber auch nicht ganz auf der gleichen Stufe wie die restlichen Darsteller. Und ich finde es etwas schade, dass wir nicht genau mitbekommen, was eigentlich mit Rosencrantz und Guildenstern geschieht. Klar, auf die Piratengeschichte verzichtet man gern, aber hier wird Hamlets Schuld an ihrem Tod ausgeblendet, was etwas unglücklich ist.
Dinge, die ich liebe, auf die ich jetzt aus Platzgründen aber nicht mehr weiter eingehen kann: Die wunderbare Chemie zwischen Hamlet und Horatio. Die feine Charakterisierung von Rosencrantz und Guildenstern. Das Set-Design, insbesondere der sehr schicke Einsatz von Spiegeln, oder die Kostümentscheidungen. Das play-within-the-play. Viele Details des Finales. Die Platzierung von “To be, or not to be” (der Struktur des “Bad Quarto” folgend).
Ich hab überhaupt noch rein gar nichts zu den Soliloquies gesagt! Ach, ich könnte noch Vieles aufzählen, aber diese Review ist eh schon doppelt so lang wie normale Filmkritiken, also kommen wir zum Schluss.
Ich denke, es ist klar geworden: Ich liebe diesen Film. Sogar mehr, als ich zu hoffen gewagt hab. Es gibt andere Hamlet-Filme, die ich sehr gerne mag, dieser hat sich jetzt als meine definitive Version herausgestellt, bei dem ich bis auf ganz wenige Ausnahmen jedes Detail liebe. Also absolut empfehlenswert, sowohl für Hamlet-Neulinge als auch für Hamlet-Kenner. Wer jetzt noch nicht überzeugt ist, kann ja mal den Picspam angucken – Teil 1 ist hier und Teil 2 ist hier…
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Tags: David Tennant, Hamlet, Patrick Stewart, RSC, Shakespeare

09. January 2010 um 14:12
Und die DVD gibt es auf Amazon schon jetzt nicht mehr auf Lager. Sehr aussagekräftig.
09. January 2010 um 14:43
Amazon.co.uk hat sie ja noch (und auch deutlich billiger), man muss also nicht deswegen auf Hamlet verzichten *g* Die DVD hat sich aber tatsächlich sehr gut verkauft, zumindest von den Amazon-Verkaufsrängen zu urteilen – erwartet man bei einer TV-Shakespeare-Verfilmung ja nicht automatisch.
09. January 2010 um 15:04
Hi Maria! Erstmal: ein frohes neues Jahr wünsche ich Dir noch!
Und dann: ein großes YAY!!! Ich freu mich schon so darauf diesen Film zu sehen! Wir waren 2008 (omg! Es ist 2010!) extra in London. Wir waren zwar genau vier Tage da, nachdem der schöne David den Totenschädel an Edward Bennett weitergegeben hat, aber waren trotzdem sowas von hingerissen! Vor allem Sir Patrick und Pennie Downie (die ja nicht nur mit dem zehnten, sondern 2009 auch noch mit dem achten Doctor “unterwegs” war – die Glückliche!) fand ich Wahnsinn! Und das Bühnenbild war perfekt! Wenn ich Deinen Beitrag lese, nimmt die Vorfreude nur noch zu! Nochmal: Yay!
09. January 2010 um 15:34
Auch einer der bemerkenswerten Aspekte dieses Films: Man wird beim Schaun gar nicht sonderlich wehmütig, dass man die Produktion nicht auf der Bühne sehen konnte. Weil alles eben als Film so gut funktioniert – zwar mögen manche Sachen auf der Bühne sicher besser wirken (der Humor), aber der Film hat halt auch so wunderbare Vorteile wie Close-ups.
Als Erinnerung an den Theaterbesuch ist der Film sicherlich großartig – es gibt zwar einige filmspezifische Änderungen, aber soweit ich das beurteilen kann, bleibt man da der Bühnenversion sehr treu.
Ja, Penny Downie ist eine beneidenswerte Frau – aber wer so eine geniale Gertrude spielt, hat sich das verdient.
http://images.broadwayworld.com/upload2/61256/tn-500_2.jpg
http://graphics8.nytimes.com/images/2009/08/11/arts/Helen500.jpg
Ich stell grad den Picspam zusammen – und es wird langsam klar, dass ich das nie und nimmer in einem einzigen Post unterbringt. Also wohl eher zwei Picspams…
09. January 2010 um 15:45
*aufdieTastaturgesabbert* (Das zweite Bild war, vor der jetzigen Weihnachtstardis, ewig lang mein Desktop… Hast Du diese Schulter gesehen???!!! AhhhhhhhhhHHH!!!*hüstelundaufrechthinsetz*)
Als Gertrude war sie genial! Die Bettszene ist mir zum Beispiel hängen geblieben! Der Hammer!
Ohjajaja, Picspam! Please! Ich freu mich drauf (Und es können ruhig zwei sein – oder drei?!:-) )
09. January 2010 um 17:25
Sehr schickes Bild, ja. Ich hab ja keine Ahnung, um was es in Helen eigentlich geht, aber ich versteh nicht, wie Helena diesen Menelaus jemals für irgendeinen dahergelaufenen Paris verlassen könnte…
Ja, die Closet Scene ist fantastisch – aber ich liebe Downie vor allem auch für die vielen kleinen Dinge, die sie im Hintergrund tut, Reaktionen auf andere Personen und so, da erweckt sie diesen Charakter wirklich zum Leben.
Es werden zwei episch lange Picspams – ich hab mich mal auf maximal 50 Bilder pro Picspam beschränkt (etwa die Länge des letzten Tennant-Doctor-Picspams), und damit tu ich mir schon schwer. Hach. So viele tolle Aufnahmen, so viele tolle Szenen…
09. January 2010 um 20:31
Meine DVD kommt (hoffentlich – sollte der Postbote nicht eingeschneit sein) in der nächsten Woche. Ich hatte auch mehr erwartet, es sei ein auf Film gebanntes Theaterstück, aber es scheint ja so viel mehr zu sein, ach… Gibst eigentlich auch gute Extras auf der DVD?
09. January 2010 um 21:10
Das Wetter ist schon sehr lästig. Aber nachdem Amazon sich mal bequemt hat meine DVD abzuschicken, war sie zwei Tage später da, du darfst also hoffen.
Es ist irgendwie ein Zwischending, kein abgefilmtes Theater, aber auch kein ganz normaler Film. Die Ursprünge in einer Theaterproduktion sind schon immer deutlich, bspw beim Set, das nicht hundertprozentig realistischer Logik folgt (Hamlet und der Geist treffen im Thronsaal aufeinander, der zerbrochene Spiegel taucht plötzlich in allen Räumen auf…). Aber trotzdem durch und durch filmisch in Sachen Kamera, Schnitt oder Art des Schauspielens.
An Extras gibt es ein halbstündiges Makin-off, dass sehr gut ist – viele schöne Behind-the-Scenes-Aufnahmen und viele intelligente Leute, die intelligente Dinge zu Hamlet und der Verfilmung sagen (ist übrigens (wie die Sachen auf der Homepage) vom selben Team gemacht worden wie die DW Confidentials). Außerdem gibts einen Audiokommentar mit dem Regiseur, Produzenten und Kameramann, den ich noch nicht ganz gehört hab, der aber auch ganz gut aussieht. Mehr nicht, hat neben einem 3-Stunden-Film auf der DVD ja auch nicht Platz.
05. February 2010 um 12:13
Hallo,
Eine sehr gute Besprechung, Hut ab. Einen Punkt sehe ich etwas anders, aber das ist in erster Linie eine Frage des Geschmacks; es handelt sich um die vielfache Verwendung von zerbrochenen Spiegeln als Symbol für das Splittern von sowohl Seele als auch Umfeld. Meiner Meinung nach ist diese Symbolik schon oft genug verwendet worden (sowohl bildlich auch als schriftlich), um noch (für mich) große Wirkung zu erziehlen. Bei mir entsteht dann eher ein “ah, so machen sie’s mal wieder” Gefühl. Aber wie gesagt, dass ist in erster Linie ein Frage dessen, wie oft man dieser Symbolik bisher schon begegnet ist und inwiefern sie einen überhaupt anspricht. Ansonsten kann ich nur zustimmen: das Bühnenbild ist, obwohl es sich um einen quasi-Film handelt, erfreulich am Stil eines tatsächlichen Bühnenbildes orientiert und nicht an einer Filmkulisse. So konzentriert sich alles, wie auf der Bühne, auf die Handlung. Das Spartanische und die Dominanz von Schwarz als Farbe unterstreicht diesen Effekt noch. Zu den Schauspielern bleibt auch nichts hinzuzufügen. Eine DVD, die sich gelohnt hat und eine Inszenierung, die man sich auch in 20 Jahren nochmal genußvoll ansehen kann.
06. February 2010 um 10:54
Ja, die Spiegelsymbolik ist natürlich Geschmackssache und ich kann es absolut nachvollziehen, wenn man davon schon vor dem Film genug hatte. Gerade auch bei Hamlet-Verfilmungen ist es kein besonders neues Stilmittel, da haben die Filme von Branagh oder Almereyda schon Vorarbeit geleistet.
Aber ich mag den Einsatz von Spiegeln trotzdem sehr gerne, auch wenn es nicht außerordentlich innovativ ist passt es einfach gut und ist meiner Meinung nach auch nie zu aufdringlich. Und gerade auch dass es so eine vertraute Symbolik ist, die jeder schnell versteht, ist für so einen Film ganz praktisch, weil damit auch Zuschauer angesprochen werden, die Hamlet bisher nicht kannten, und mit der Sprache noch Probleme haben.