HAMLET 2009: Picspam, Teil 2
12. January 2010
Weiter geht’s mit meinem episch-langen Picspam des RSC-BBC-Hamlet-Films mit David Tennant und Patrick Stewart. Es gelten die gleichen Dinge wie beim ersten Teil des Picspams: Achtung, das Ding ist lang, sehr ausführlich und damit sehr spoilerhaft – nicht anschauen, wenn ihr euch von Handlung oder Inszenierung überraschen lassen wollt. Außerdem ist das Ganze recht Tennant-lastig, aber die restliche Cast kommt auch zum Zug.
Wir sind in der Mitte des dritten Akts stehen geblieben, dort, wo die Bühnenfassung ihre Pause platziert hatte. Wir gehen also in großen Schritten auf das tragische Ende zu, mit 300% mehr Einsatz von zerbrochenen Spiegeln.
Akt III, cont.
Also, wir waren bei “And now I’ll do it!” – und Hamlet hält inne.

Den betenden Claudius ermorden würde diesen ja gleich in den Himmel schicken – und was wär das für eine dämliche Rache. Wenn Hamlet doch wüsste, dass Claudius rein gar nichts bereut…

… und sich viel eher ganz seiner dunklen Seite hingibt. Die Gebetsszene ist in diesem Hamlet auch besonders wichtig um uns Zuschauern zu versichern, dass Claudius tatsächlich seinen Bruder umgebracht hat. Von seiner gefassten, kontrollierten Reaktion auf die Mousetrap-Vorstellung kann man das ja nicht eindeutig schließen.

Willkommen zur Closet-Scene. Ich liebe ja den ganzen Film, aber wenn ich eine Szene herauspicken müsste, wäre es wohl diese. Weil sich David Tennant und Penny Downie die Seele aus dem Leib spielen…

Und da haben wir auch den Punkt, an dem es kein Zurück mehr gibt. Hamlet tötet Polonius, damit ist sein Schicksal besiegelt – und das langsame Zersplittern des Spiegels, dass wir hier hören, signalisiert uns, dass die ganze Welt des Hofes auseinanderbricht.

Zurück zu David und Penny, die sich eine fantastisch kraftvolle und emotionale Auseinandersetzung liefern…

…und dabei immer ganz, ganz weit weg von der à–dipus-Schiene bleiben. Weil die imho in Hamlet einfach nichts zu suchen hat.

Als plötzlich der Geist auftaucht, den nur Hamlet sehen kann. Wobei es diese Inszenierung offen lässt, ob das nun real ist, oder ob Hamlet nun tatsächlich wahnsinnig geworden ist.

Ja, man kann schon verstehen, warum Gertrude sich ihrem Schwager zugewandt hat…

Aw, der erste ordentliche Spiegel-Shot. Es werden noch viele mehr werden.

Wir enden auf einer emotionalen und versöhnlichen Note

Hab ich schon erwähnt, dass Penny Downie hier besonders genial ist?

Akt IV
Wir verlassen das Hauptset zur Verfolgungsjagd, und wieder spielen Greg Doran und Kameramann Chris Seager schick mit Taschenlampen.

“He keep them, like an ape an apple in the corner of his jaw, first mouthed to be last swallowed” – Und Rosencrantz und Guildenstern können immer noch kein bisschen mit Hamlets Verstand Schritt halten. Arme Jungs.

Man ahnt irgendwie Russell T Davies Gedankengang, als er diese Szene im Theater gesehen hat…

Und auch in so einem Moment der Niederlage und Wehrlosigkeit bietet Hamlet Claudius noch Paroli mit spitzen Bemerkungen. Ah, ich liebe diesen Charakter.

Wunderschöner Shot. Damit auch Claudius seinen eigenen zersplitterten Spiegel bekommt.

Damit geht’s auch gleich weiter: Gertrude, deren Welt zerbricht, und Ophelia, deren Verstand zerbricht.

“We know what we are, but we know not what we may be” *seufz*
Ich bin mir irgendwie unsicher was Mariah Gales Wahnsinns-Darstellung betrifft. Ihre Ophelia ist schon tatsächlich wahnsinnig, gleichzeitig scheint sie ihren Wahnsinn aber auch teilweise zu spielen, so wie Hamlet. Hm.

Laertes ist zurück, Claudius versucht, das ganze Chaos unter Kontrolle zu halten, und immer droht der zerbrochene Spiegel im Hintergrund.

In dieser zweiten Ophelia-Wahnsinns-Szene find ich Mariah Gale deutlich besser

Ich darf wieder mal die Aufmerksamkeit auf Penny Downie lenken, die wunderschön durch Gestik und Mimik in den Claudius/Laertes-Szenen deutlich macht, wie Gertrude langsam das Vertrauen in ihren Mann verliert.

Zweiter Hamlet-Videoblog. Ich find die Hamlet-Kamera ja wirklich schick. Und auch die Neuplatzierung dieses Soliloquy, der üblicherweise früher statt findet, also auf dem Weg nach England. Hier eben nun auf dem Weg zurück, was wie ich finde auch sehr schön passt.

Akt V
Vom Totengräber bin ich weniger begeistert, von der “Alas, poor Yorick”-Szene dagegen schon. Angenehm dezent, aber doch kraftvoll.

André Tchaikowsky, 1935-1982. Tchaikowsky hat seinen Schädel der RSC vermacht, damit er als Requisite verwendet werden kann, Doran und Tennant haben ihm diesen Wunsch nun endlich erfüllt.

Der erste Hamletfilm, den ich gesehen hab, bei dem einem Hamlets Reaktion auf den Tod Ophelias wirklich weh tut.

Zorniger Hamlet, der das zur Abwechslung auch mal zeigen darf.

Laertes wollte Hamlet grad noch an die Gurgel, sieht dann bei seinen Beschimpfungen eher verängstigt aus. Würd ich auch.

Und wir sind wieder in Elsinore und damit bei den zersplitterten Spiegeln.

OSRIC! Aw, einer meiner Lieblings-Nebencharaktere in Hamlet (Vielleicht, weil da auch völlig unlustige Verfilmungen ein bisschen Humor nicht vermeiden können). Schön auch, dass Osric hier kein alberner Dödel ist, sondern ein durchaus interessanter Charakter:Â schmierig, berechnend und sich für nichts zu schade.

Hamlet macht sich trotzdem über ihn lustig.

Man bemerke, dass Horatio die ganze Szene über nie so richtig im Spiegel gezeigt wird. Eben eine der wenigen Personen am Hof, die auch jetzt noch alles beisammen halten kann.

“The readiness is all.”
Für Hamlet gibt es aber noch einen letzten dramatischen Blick in den zerbrochenen Spiegel…

… und auf ins Finale. Und niemand in diesem Raum glaubt ernsthaft daran, dass dieses Sportfechten glimpflich endet.

Für zwei Männer, die sich gegenseitig tot sehen wollen (und das auch wissen), verhalten sich Hamlet und Claudius erstaunlich zivilisiert.

Ein letztes überschwengliches Grinsen.

Gertrude entschließt sich ganz bewusst dazu, den vergifteten Wein zu trinken. Find ich immer besser, wenn das aus Absicht geschieht, das macht Gertrude zu einer viel intelligenteren und selbstständigeren Figur – und Penny Downie hat darauf jetzt ja seit der Closet-Scene hingearbeitet.

Ich mag, dass Hamlet kurz innehält, bevor er Laertes verwundet. Man hat da als Zuschauer diesen kleinen Moment, in dem einem nochmal schmerzhaft bewusst wird, dass Hamlet ja keine Ahnung hat, was er da tut und vergeblich hofft, er könnte es doch lassen.

Also dann nehmen wir Abschied von unseren Helden. Gertrude erliegt dem Gift…

Claudius resigniert und trinkt den Wein…

Laertes verzeiht Hamlet und bittet ihn wiederum um Verzeihung…

…und Hamlet überzeugt Horatio davon, sich nicht umzubringen. Irgendwer muss die Geschichte ja weitererzählen können.
“The rest is silence.”

“Good night, sweet prince, and flights of angels sing thee to thy rest.”

Und damit wären wir am Ende des Picspams angelangt. Der eh mehr “Nacherzählung mit Bildern” als Picspam ist. Jetzt muss ich mir also eine neue Ausrede suchen, mich stundenlang mit diesem Hamlet-Film zu beschäftigen, denn genug hab ich davon noch lange nicht…
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Tags: David Tennant, Hamlet, Patrick Stewart, Picspam, RSC

12. January 2010 um 19:11
Deine Kommentare zu den einzelnen Bildern sind wunderbar! Besser geht es nicht! Und ich habe auch noch lange nicht genug von Hamlet… Danke für die tollen picspams! – aikota -
12. January 2010 um 20:11
Dein Picspam ist super. Nur schade, dass es schon damit vorbei ist!
13. January 2010 um 15:55
Danke euch beiden! Freut mich, dass ich da genausoviel Spaß damit hattet wie ich beim Erstellen!
Ich werd meine Energie jetzt wohl darauf konzentrieren, den Film ein paar Freunden schmackhaft zu machen, zu überlegen, was man da an Hilfestellungen braucht und vor allem erst mal einen Termin zu finden (wobei Hamlet ja wohl ganz offensichtlich wichtiger ist als irgendwelche Klausuren oder Examen…).
16. March 2010 um 23:12
Gott, ich liebe diesen Hamlet!
Eine Freundin hat mir den Link zu Youtube geschickt, ich konnte nicht aufhören, habe mir sofort die DVD bestellt, bin auf der Suche nach Bildern der Fenster im Bühnenbild auf deiner Seite gelandet… “mich stundenlang mit diesem Hamlet-Film zu beschäftigen”, ja, das trifft es.