Hamlet Übersichtsseite
15. January 2010
Hamlet ist jetzt schon eine ganze Weile ein wichtiges Thema hier im Blog und wird das wohl auch noch bleiben, Zeit also für eine ordentliche Übersicht über alle Beiträge dazu. Das hier ist nicht nur eine Linksammlung, sondern dient auch als Zusammenfassung mit Kurzkritiken zu allen Hamlet-Filmen die ich gesehen habe (auch die, die hier im Blog noch nicht besprochen wurden).
Empfehlungen und Vorbemerkungen
Als Einstiegs-Hamletfilm empfehle ich die 2009er Verfilmung mit David Tennant, der nicht nur meine Lieblingsverfilmung ist, sondern dazu auch sehr zugänglich und damit für Neulinge bestens geeignet.
Wer Probleme mit der Sprache hat: Viele Hamlet-Ausgaben haben hilfreiche Anmerkungen zum Text (ich kann den Norton Shakespeare nur empfehlen), als erste Anlaufstelle hilft die Online-Parallelübersetzung in modernes Englisch bei Sparknotes und natürlich helfen auch Übersetzungen oder auch Inhaltszusammenfassungen bei Wikipedia.
Noch eine Anmerkung zu den Filmkritken: Bei Hamlet-Verfilmungen ist eine Bewertung immer eine ziemlich subjektive Angelegenheit, denn dabei kommt es nicht nur darauf an, ob der Film an sich gut oder schlecht ist, sondern mindestens genauso sehr darauf, inwiefern die Interpretation des Stücks durch die Schauspieler und den Regisseur der eigenen Sichtweise des Stücks entspricht. Und es hat wohl jeder eine etwas andere eigene Sichtweise von Hamlet. Das also bitte im Hinterkopf behalten – aber letztlich sind ja alle Filmbesprechungen unglaublich subjektiv. Und wir wissen ja: “There is nothing either good or bad but thinking makes it so.”
Verfilmungen
1948: Laurence Olivier (auch Regie)
155 min, Kino s/w, UK
Zweifelslos ein beeindruckender Film mit einem großartigen Olivier als Hamlet und faszinierender Kameraarbeit und Setgestaltung. Allerdings ist die Vorlage stark gekürzt worden, so dass viele wichtige Textstellen und Figuren fehlen, und nur wenig vom Humor des Stücks transportiert wird. Außerdem stimme ich mit der Interpretation des Stücks nicht überein: Hamlet ist nun mal nicht einfach ein Mann “who could not make up his mind” (wie es der Vorspann erklärt), und auf à–dipuskomplex und Ophelia-Laertes-Inzest-Anspielungen kann ich verzichten.
1969: Nicol Williamson (Tony Richardson)
117 min, Kino, UK
Diese Kinoadaption einer Bühnenaufführung bietet eintönige Kameraarbeit, die zu 95% aus Großaufnahmen besteht, und mit Nicol Williamson den für mich langweiligsten und unsympathischsten Hamlet den ich kenne. Auf der anderen Seite gibt es viele Leute, die diesen Film lieben und Williamsons Hamlet über alle Maßen preisen – muss wohl jeder für sich selbst entscheiden. Außerdem gibt´s hier eine äußerst seltsame Marianne Faithfull als Ophelia und einen zu jungen Anthony Hopkins als Claudius.
1976: Anthony und David Meyer
(Celestino Coronado)
65 min, TV, UK
Absolut wirre und bizarre Version, die einem wirklich üblen Drogentrip gleicht. Gute Idee: Hamlet wird von zwei Personen gespielt um die Zerissenheit des Charakters darzustellen. Schlechte Idee: Alles andere.
1980: Derek Jacobi (Regie: Rodney Bennet)
210 min, TV, UK
Diese BBC-Verfilmung ist unspektakulär auf einem recht kargen Set gefilmt, kann dafür aber mit guten Darstellern punkten. Allen voran Derek Jacobi als eher theatralischer, aber beeindruckender Hamlet, der besonders den Wahnsinns-Aspekt voll ausspielt. Weiter Pluspunkte: Sehr viel Humor, ein guter Patrick Stewart als Claudius, ein genialer Polonius und ein fast vollständiger Text.
1990: Mel Gibson (Regie: Franco Zefirelli)
130 min, Kino, UK/USA
Vielleicht der Film, der Neulingen den einfachsten Zugang zu Hamlet bietet. Das Casting von Action-Held Mel Gibson gibt es schon vor: dieser Hamlet ist sehr selbstsicher und zielgerichtet, und der ganze Film legt mehr Wert auf Action und Handlung als auf Charakterisierung. Das Mittelalter-Setting ist äußerst schick und der Film ist durchaus unterhaltsam, hat aber doch so seine Schwächen: Mel Gibson nimmt man den Hamlet doch nicht immer ab, Alan Bates gibt einen recht blassen Claudius ab, Helena Bonham Carters Ophelia ist etwas verhuscht, wir haben mal wieder eine à–dipuskomplex-Interpretation und wenig Humor.
1996: Kenneth Branagh (auch Regie)
242 min, Kino, UK
Die Monumental-Bombast-Version. Branagh verfilmt hier aufwendig den kompletten Text mit einer Schar an Stars in einem luxuriösen 19.-Jh.-Setting. Da braucht man natürlich Sitzfleisch und man muss schon auch Kenneth Branagh mögen, aber dann gibt es schon vieles an dieser Verfilmung zu lieben. Bspw Derek Jacobi als Claudius, Kate Winslet als Ophelia, überhaupt die Star-Parade, dass die politische Ebene des Stücks immer präsent ist und natürlich einfach die prächtigen Bilder. Weniger geglückt: Die vielen visuellen Rückblenden, die herzlich unnötig sind.
2000: Ethan Hawke (Michael Almereyda)
112 min, Kino, USA
Almereyda versetzt Hamlet ins moderne Manhattan und aktualisiert die Story mit einigen wirklich schicken und einigen weniger gut funktionierenden Ideen. Dabei kommen aber die Charaktere und der Handlungsfluss zu kurz, was diesen Film zu einem zwar interessanten, aber doch ziemlich schleppend, holprigen und humorlosen Erlebnis macht. Höhepunkte der Cast sind Julia Stiles als Ophelia und meistens Ethan Hawkes Hamlet, Tiefpunkt Bill Murrays furchtbar nerviger Polonius.
2009: David Tennant (Gregory Doran)
182 min, TV, UK
Eindeutig mein Lieblings-Hamletfilm, diese Produktion der BBC und der Royal Shakespeare Company punktet mit viel Humor, Spannung, edlen Bildern und vor allem einer großartigen Cast mit David Tennant als dynamischer und emotionaler Hamlet, Patrick Stewart als intelligenter und gerissener Claudius, Penny Downie als eine sehr facettenreiche Gertrude und Oliver Ford Davies als sehr witziger Polonius. Eine wunderbare Verfilmung der Bühnenaufführung, sehr zugänglich und damit perfekt für Neulinge, gleichzeitig aber innovativ und facettenreich und damit genauso lohnend für Hamlet-Kenner.
Picspam
Manche der Reviews haben eh schon einen kleinen Picspam mit dabei (der 2000er-Hamlet, wegen den hübschen visuellen Ideen und der von 1967, um diesen Wahnsinn zu illustrieren), mein Lieblings-Hamlet hat aber dann doch einen großen, ausführlichen Picspam verdient. Und weil ich so vernarrt in diesen Film gibt hat da auch ein Beitrag nicht gereicht und es sind zwei lange Picspams geworden (Achtung, Spoiler!)
Hamlet 2009, Teil 1 – Die erste Hälfte des Films, vom Geist über “To be, or not to be”, Nunnery und herziger Polonius-Veräppelung zum play within the play .
Hamlet 2009, Teil 2 – Die zweite Hälfte des Films, von der Closet- Scene über Hamlets Exil, Ophelias Wahnsinn, “Alas, poor Yorick” bis zum großen Finale.
Andere Adaptionen
Hörspiel
1936: Orson Welles (auch Produzent)
2x 30 min, Columbia Workshop CBS, USA
In der kurzen Zeit kann Welles der Vorlage nicht gerecht werden und vor allem die zweite Hälfte ist sprunghaft und verwirrend, außerdem ist die Textauswahl etwas ungewöhnlich (kein “to be, or not to be”…). Trotzdem schon allein wegen Welles als Hamlet ein faszinierendes Hörspiel, und besonders beachtenswert, weil zu der Zeit eigentlich niemand komplette Shakespeare-Stücke als Hörspiele adaptiert hat, sondern nur Ausschnitte davon.
Bücher
2004, Jasper Fforde: Something Rotten
Der vierte Thursday-Next-Roman ist eigentlich keine Adaption, sondern erzählt eine ganz andere Geschichte, hat aber Hamlet als wichtigen Nebencharakter. Ein großartiges Buch (wie die ganze Thursday-Next-Reihe, sehr empfehlenswert), und Hamlet, der darin mit der realen Welt konfrontiert wird und schließlich zum Action-Helden mutiert, macht wahnsinnig viel Spaß.
2006, Matt Haig: Dead Fathers Club
Eine Nacherzählung der Hamlet-Geschichte als Quasi-Kinderbuch mit einem 11-Jährigen als Hamlet. Haig hat einige gute Ideen, aber es bleibt das Problem, dass ein 11-Jähriger als Hamlet wirklich keine gute Idee ist. Außerdem nervt die Abwesenheit von jeglichen Satzzeichen außer Punkten und Fragezeichen gewaltig und scheint keinen weiteren Sinn zu haben. Merke für die Zukunft: 1) keine 11-Jährige in Rachestorys bitte und 2) Kommas, Anführungszeichen und Apostrophe sind eine tolle Sache!
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